Hast du's erlebt?

von Max Eyth (1836 - 1906)

 

Du bringst uns wunderliche Sachen,

Zum Weinen bald und bald zum Lachen;

Wahrscheinlich weißt du sie zu machen,

Doch ob sie wahr sind, weiß man nicht.

Zwar manches gleicht bekannten Zügen,

Dem äußern Scheine mag's genügen.

Doch ungern läßt man sich belügen,

Und vieles klingt wie ein Gedicht.

Kaum stimmen manchmal Ort und Zeiten!

Du ließest sichtlich dich verleiten

Im Leichtsinn, Pegasus zu reiten;

Dies, werter Freund, ist uns zu viel.

Wir gehn zwar gern auf allen vieren,

Doch wer will Flügel kontrollieren?

Und schwer ist's nicht, uns anzuführen

Am Brahmaputra und am Nil.

Wohl hast du manches selbst gesehen.

Man spürt zuweilen fast das Wehen

der Wirklichkeit: doch das Verdrehen

Scheint dir ein angeborner Hang.

"Gedächtnisschwäche?!" - "Tropenhitze?!"

Nichts derart decket meine Mütze.

"Druckfehler?!" Bitte, keine Witze!

Druckfehler sind nicht seitenlang.

Man spielt doch nicht mit Metermaßen!

Auch ist mit Zahlen nicht zu spaßen,

Und du tust beides ganz gelassen:

Weißt du auch, Freund, wie du uns quälst?

Drum rund heraus, gesteh es ehrlich!

Das meiste glaubt man dir doch schwerlich,

Und diese Halbheit ist gefährlich:

Hast du erlebt, was du erzählst?

Ich hab's erlebt: aus dunkeln Schachten,

Wenn feurig rings die Wetter krachten,

Wenn sie die schwarzen Leichen brachten,

Die Leichen und das rote Gold!

Wie in der Werkstatt finstern Hallen

Die harten Hammerschläge fallen,

Zermalmend, schaffend, Heil uns allen.

Doch glaubet, was ihr glauben wollt!

Ich hab's erlebt: am öden Strande,

Im Meeresbrausen, fern vom Lande,

Im hoffnungslosen Wüstensande,

Auf den die Sonne tötend brennt,

Wie doch, gleich einer Himmelstaube,

Des Menschen arbeitsfroher Glaube

Ihm schaffen hilft, im Sturm, im Staube.

Doch glaubet, was ihr glauben könnt!

Ich hab's erlebt: im tiefsten Herzen

Erlebst du mehr an Lust und Schmerzen,

Als fünfzig Jahre auszumerzen

Vermögen, es vergißt sich nie.

Auch dort ist's Arbeit, Kampf und Streben.

Was könnet ihr dafür wohl geben,

Nähmt ihr aus diesem harten Leben

Die Wahrheit seiner Poesie?