Blut und Eisen

von Max Eyth (1836 - 1906)

 

In der Muski

 

Auch ein Ingenieur hat das Recht, manchmal - etwa einmal in der Woche - Mensch zu sein; zum mindesten in der Nähe des Berges, auf dem dies schon seit dreitausend Jahren für männiglich ein heiliges Gesetz geworden war. Mit dem Ingrimm, der uns in der fröhlichsten Arbeit packen kann, wenn sie zu viel wird, hatte ich diese Betrachtung angestellt, bestieg meinen Esel und ritt nach Kairo.

 

Am unteren Ende der Muski, vor dem ersten Eckhaus links, blieb trotz des wogenden Gedränges das kluge Tierchen, das die fünf Kilometer lange Sykomorenallee von Schubra in trippelndem Eifer zurückgelegt hatte, von selbst stehen, zog den Schwanz ein, in Erwartung eines Hiebes und weiterer Anweisung, drehte den Kopf, um zu sehen, ob Mustapha, der Eseljunge, Klee mitgebracht hatte, nickte befriedigt und ließ mich absteigen.

 

In jenem Eckhaus, zu ebener Erde, befand sich ums Jahr 1864 eine kleine Kneipe: eine Oase in den Wüsten des Morgenlandes. Der Wirt war ein Deutscher aus San Franzisko, den ein gütiges Schicksal bis hierher verschlagen hatte. Eine seltene Verbindung von amerikanischem Unternehmungsgeist und deutschem Gemütsleben hatte ihm den Gedanken eingegeben, allwöchentlich mit dem Triester Lloydboot ein Fäßchen bayrisches Bier kommen zu lassen, das seit drei Monaten regelmäßig am Freitagnachmittag in Alexandrien ankam und ohne Verzug mit der Bahn nach Kairo weiterbefördert wurde. Es war dies zu jener Zeit das einzige bayrische Bier vom Faß, das die Stadt des Kalifen erreichte. Pünktlich um sieben Uhr Samstag abends wurde angezapft. Schon von vier Uhr an stieg von Zeit zu Zeit ein Reiter von unverkennbar deutschem Gepräge vor dem Kneipchen ab, hob den Moskitovorhang, der die Stelle der Türe vertrat, und blinzelte aus der grellen Straßenhelle in das tiefe Dunkel der Höhle. Dort hinten lag es auf einer Schicht Eis, rund behäbig; ach, nur klein! Doch es war wenigstens da; der Forscher ritt befriedigt weiter. Er wußte, was er um sieben Uhr zu tun hatte.

 

Es war leider erst halb, doch lag schon ein zwei Meter breiter Schatten vor dem Haus. Meier, der energische Wirt, stellte zwei runde Tischchen auf die Straße, pflanzte vier Gartenstühle ins Volksgedränge und lud mich ein, Platz zu nehmen. Es ist eine der unterhaltendsten Straßenecken Kairos, an der Abend- und Morgenland zusammenstoßen wie ein mächtiger Strom mit der brandenden See. Heutzutage hat wohl die Sturmflut des Abendlandes den Sieg davongetragen. Damals flutete noch das echte, unverfälschte Morgenland in heißen, dampfenden Wogen aus der engen Gasse. Die Muski ist eine der Hauptverkehrsadern, die Königs- und Kalifenstraße der orientalischen Weltstadt. Hohe graubraune Häuser mit spärlichen Fenstern, da und dort noch mit reichgeschnitzten, echt arabischen Harimserkern geschmückt, bildeten einen düsteren Tunnel, durch dessen Decke aus zerrissenen Matten und in Fetzen herabhängenden Teppichen, die von Haus zu Haus gezogen waren, in weiten Zwischenräumen ein gelbflimmernder Lichtstrahl in das schwüle, bläuliche Dunkel herabschoß. Im Erdgeschoß der Gebäude sind Kaufläden, an diesem, dem westlichen Ende der Straße, von Europäern gemietet und schon halb europäisch eingerichtet, doch noch immer kleine staubige, heiße Löcher, ohne Luft und Licht. Ein englischer Schneider, ein österreichischer Sattler, ein italienischer Apotheker, ein griechischer Delikatessenhändler - und welche Delikatessen! - alle in Pantoffeln und Hemdärmeln, gehen halb im Freien ihren Geschäften nach. Die Straße selbst füllt ein wimmelndes Gewirr von Gestalten, farbig trotz des dunstigen Halbdunkels, ein brausender Lärm, obwohl in dem fußtiefen Staube kein Wagenrollen und kein Fußtritt hörbar ist. Aber alles schreit, stößt und drängt, ohne dabei die innere Seelenruhe des wahren Orients im mindesten zu verlieren. Die Eseljungen mit ihrem "Yemenak! Schimala!" ("Rechts! Links!") "Aufgepaßt, ihr Gläubigen! Aus dem Weg, ihr Hunde!", die Wasserverkäufer mit ihren schwabbelnden Ziegenhäuten auf dem Rücken, die kleinen, emsigen Esel, die sich rücksichtslos durch die Menge bohren, unförmlich verhüllte Säcke tragend, vielleicht die größten Schönheiten des Morgenlandes, schwarzbraune, halbnackte Bettler, von Kindern geführt, blind umhertastend, ein paar Kamele, die, bedrohlich über der siedenden Menge schwankend, angsam die Gasse herunterkommen, Dann wohl auch auf dem elendesten und eigensinnigsten der Tierchen ein europäischer Gelehrter, mit blauen, staunenden Brillengläsern unter dem ungewohnten Korkhelm, mit dem Regenschirm hilf los seine Eselin bearbeitend, die darauf zu bestehen scheint, ihre kostbare Last zwischen den Beinen eines nahenden Kamels hindurchzuziehen. jetzt verdoppeltes Geschrei, wilder Aufruhr: eine vizekönigliche Harimskutsche, die sich im Trab durch das Gedränge Bahn bricht, von zwei bunten, im Galopp rennenden Saisen mit langen Stöcken geleitet, Schreiend kugeln Menschen und Tiere übereinander, um Rädern und Stöcken auszuweichen, und schließen sich lachend hinter dem Wagen wieder zusammen, wie lustig spritzendes Wasser hinter einer Dampfbarkasse. Niemand beachtet den braunen Jungen, der, die Zehen des linken Beines in beiden Händen, in eine Ecke hüpft und sich heulend in den Staub wirft.

 

Halbträumend saß ich da und starrte in das mir nicht mehr ungewohnte Kaleidoskop. So flink mein Esel gewesen war, den jetzt Mustapha im nächsten Winkel mit einem Bündel heimischen Klees belohnte, meinen Sorgen lief er nicht davon, die in Schubra mit aufgesessen waren und jetzt breit auf zwei von Meiers Stühlen Platz nahmen. Auf dem vierten saß schon ein kleiner bleicher Mann, unpassend schwarz gekleidet, der sichtlich für die seinen auch einen Stuhl hätte brauchen können. Es mochte ein Missionar sein, der vielleicht seit Wochen nichts zu bekehren gefunden hatte oder dem sein einziger Christ rückfällig geworden war. Das ging ihm ohne Zweifel zu Herzen. Er sah krank aus, krank und lebenssatt.

 

Ich hatte eigentlich kein Recht, mich. zu beklagen. Wie eine echt orientalische Schicksalsfügung und dem Anfang eines Märchens aus Tausendundeiner Nacht ähnelnd war mir vor dreiviertel Jahren meine Stellung als "Baschmahandi", als erster Ingenieur Halim Paschas, in den Schoß gefallen. Das Märchen hatte rasch greifbare Gestalt angenommen, lind ich begann zu ahnen, wozu ich in der Welt war, wenigstens in dieser Welt. Der übergroße Grundbesitz meines Paschas, die noch größeren Pläne und Projekte in seinem kleinen regen Kopfe hatten aller ägyptischen Träumerei, die mir von Deutschland her noch anhaften mochte, ein rasches Ende gemacht. Ich wohnte fast im Schatten des Obelisken von Heliopolis und dachte an nichts anderes, als morgen meinen zweiten Dampfpflug probeweise um denselben herumpflügen zu lassen. Aus der altehrwürdigen Sonnenstadt waren hundert Hektar erträglichen Baumwollbodens geworden, und der geheiligte Baum der Jungfrau Maria, der etwas ungeschickt für die Handhabung der Drahtseile fast mitten drin stand, machte mir aus diesem und keinem andern Grunde ernstliche Bedenken.

 

Der zweite Dampfpflug! Dem Laien bleibt es für immer verschlossen, was in diesen drei Worten lag zu jener Zeit, in der die Dampfkultur noch um ihr Dasein kämpfte. Wohl hatte auch sie schon ihre Priester; ja ich darf ohne Übertreibung sagen, ich war einer ihrer kleinen Propheten: begeistert, fanatisch, wie es die kleinen meistens sind; himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, wie es die wechselnden Tage einer ersten - auch einer technischen - Liebe mit sich bringen. Und, in der Tat, ich hatte augenblicklich keinen vernünftigen Grund, so betrübt zu sein wie der stille, kranke Nachbar an meiner Seite, und hoffte nur, auch in seinem Interesse, daß es endlich sieben Uhr würde.

 

Der erste Pflug war ein halbes Jahr vor mir nach Ägypten gekommen. Ich traf ihn sozusagen in den letzten Zügen und denke nur ungern an jene ersten Monate, trotz der Rettung aus scheinbar unvermeidlichem Schiffbruch, die mir, nicht ohne den Beistand des am Nil ewig lächelnden Himmels, gelang. Heiße Kämpfe mit allen vier Elementen (älterer Rechnung) und heißeres Streiten mit etlichen Menschen, die zu spät einsahen, daß sie klüger und besser hätten sein können; das war unvermeidlich. Doch die Rettung glückte, wenn auch mit knapper Not, und Halim Pascha, der sein Land und seine Leute kannte, besser als ich, wußte, was dies zu bedeuten hatte. Ich sah ihn seitdem täglich, den fürstlichen Sohn der Beduinen, den künftigen Vizekönig von Ägypten, wie wir damals alle glaubten; denn sein Recht hierzu war unzweifelhaft und allgemein anerkannt. Vorerst war er jedoch noch der jüngere Onkel des Vizekönigs, der zweitgrößte Grundbesitzer am Nil und bereit zu zeigen, daß er die Pflichten eines künftigen Herrschers nicht leicht nehme, der sein Recht und seinen Glauben dem Koran und sein Wissen der Ecole Polytechnique zu Paris verdankte. Täglich war er auf den prächtigen Feldern von Schubra, dem früheren Lieblingsgute Mohammed Alis, seines großen Vaters, um Sä- und Mähmaschinen zu probieren, Pumpen und Dampfpflüge laufen zu sehen; vor allem aber, um Baumwolle zu pflanzen, die damals, während des Bürgerkriegs in Amerika, dem glücklichen Ägypten einen wahren Goldregen versprach.

 

So kam?s, daß ich schon drei Monate später den zweiten, den, ägyptischen Verhältnissen besser angepaßten Dampfpflug zusammenstellen und triumphierend ins Feld führen konnte. Damit waren zunächst die fünfzehnhundert Hektar von Schubra versorgt. Der dritte wurde vor wenigen Wochen für das dreißig Kilometer nilabwärts gelegene Thalia bestellt und sollte dort von den arabischen Dampfpflügern, die ich jetzt in Schubra heranzog, in Betrieb gesetzt werden: ein Wölkchen am Horizont, wie eines Mannes Hand, aus dem noch manches schwere Donnerwetter sich entwickeln konnte. Aber es ging doch vorwärts, über alles Erwarten; meine alten englischen Freunde, die Fowlers, die die Dampfpflüge, das Stück zu rund fünfzigtausend Mark, zu liefern hatten, schrieben Briefe voll aufmunternder Dankbarkeit, und das alte Ägypten begann seine kleinen, klugen, aber etwas blöde gewordenen Sperberaugen zu reiben, wie wenn es erwachen wollte.

 

Ägypten war in diesem Sinne der neue Vizekönig Ismail Pascha, Halims ältester Neffe. Als er vor einem Jahr die Regierung antrat, war er einer der kleineren Großgrundbesitzer am Nil und mochte vielleicht fünfzigtausend Hektar sein eigen nennen. So genau konnte man dies in jenen Tagen vom Besitz der vizeköniglichen Familienmitglieder nicht sagen. Da kam in demselben Jahre die Baumwollsperre in den Vereinigten Staaten, wo man begonnen hatte, sich die Köpfe blutig zu schlagen, die Baumwollhungersnot in Lancashire und die Baumwollsegenszeit für Ägypten und andre warme Länder. Der Preis der Wolle stieg rasch auf das Zwei-, Drei- und schließlich das Fünffache dessen, was in früheren Tagen bezahlt wurde. Jedes kleine Gut, das leidlichen Boden und Wasser besaß, war plötzlich Millionen wert, und die vizeköniglichen Besitzungen wuchsen und mehrten sich, wie es nur in dem alten Lande der Zauberei und der Pharaonen möglich war. Und da in Ägypten zum Lande auch die Leute gehörten, die, so gut sie konnten und nicht viel besser als die Feldmäuse, von seinem Korn und seinem Klee lebten, so war es anfänglich nicht schwierig, die vizeköniglichen Fluren in Baumwolle zu kleiden. Die Dorfscheichs erhielten von den Nasirs und Mufetischen Seiner Hoheit den nötigen Samen, die nötigen Befehle und, so oft es sein mußte, die nötigen Prügel, und schwarze Büffel und tausendjährige Pflüge setzten sich emsig in Bewegung, um das verhungernde Lancashire wenigstens notdürftig zu erhalten, die Taschen des Vizekönigs und die Taschen seiner höheren Beamten aber überreichlich mit englischem Golde zu füllen. Auch für Wasser mußte gesorgt werden, wie seit der alten Glanzzeit der zwölften Dynastie nicht mehr gesorgt worden war, wenn auch auf andere Weise. Von Damiette bis Assuan hinauf begannen statt der Obelisken Schornsteine emporzuwachsen und gewaltige Dampfpumpen den heiligen Strom anzuzapfen. Auch ich hatte schon drei dieser modernen Monumente im Bau begriffen: in Thalia bei Caliub, in Terranis bei Damiette und zu EI Mutana bei Edfu. Und das alles war nur der Anfang. Es regte und rührte sich mächtig in den Gräbern der heiligen Stiere und entschlafenen Krokodile.

 

Da kam ein böser Zwischenfall. Seit einigen Monaten war die Rinderpest im Lande ausgebrochen. Anfänglich achtete man kaum darauf. Tiere und Menschen sterben nicht schwer in diesem Land der großen Toten und mit einer Ergebung in den Willen "des Einzigen, des Erbarmers", von der die Christen nichts wissen. Man warf die toten Tiere in den Fluß, und da sie wenige Stunden später schwammen wie gasgefüllte Luftballons, so zog nach einigen Wochen ein langsamer, ununterbrochener Leichenzug auf den braunen Wasserfluten an Kairo und Schubra vorüber dem Meere zu. Zehn, zwanzig schwarze mächtige Rücken waren stets in Sicht. Nicht selten saß ein Geier auf dem kleinen schwimmenden Eiland und verzehrte nachdenklich so viel von seinem davonsegelnden Frühstück, als er vermochte. Das war eine Zeit für die Geier! - Und schön war es, wenn der eine oder der andere Ochse sich plötzlich, wie in unpassendem Scherze, umdrehte und den aufgedunsenen Bauch und vier bocksteife Beine gen Himmel streckte. Oder war es der stumme Jammer der Kreatur, der sich in dieser taktlosen Weise äußerte? Aber auch er zog vorüber und machte neuen stillen Schwimmern Platz, die sich weniger unanständig betrugen. Das schlimmste war, daß auf diese Weise die Gespanne der vizeköniglichen Pflüge wie die der Fellahs ins Meer zogen. Man spannte Kamele an, Esel, arme Männer und Frauen. Selbst ein paar kostbare englische Rennpferde hatte ich heute in einem Feld an der Schubraallee vor einem Pfluge sich bäumen sehen. Schließlich bildeten sie aus dem Pflug, dem klugen Effendi, der den Versuch leitete, zwei Kawassen, einem Sais und drei Fellachen einen heulenden Knäuel, an dem ich mit innigster Befriedigung vorüberritt. Denn unbeirrt von all dem Lärm und Geschrei keuchten noch hörbar meine zwei Dampfpflüge auf den Feldern von Schubra, und das ferne regelmäßige Pfeifen der sich antwortenden Maschinen sagte mir, daß sie allein die Lage der Dinge begriffen. Sie pfiffen auf die Rinderpest.

 

Doch völlig ungetrübte Freuden sind selten auf dieser Welt:. Ist es denn noch immer nicht sieben Uhr, zum Beispiel?

 

Andre englische Fabriken hatten mittlerweile in Erfahrung gebracht, was mir für meine alten Freunde in Leeds zu tun geglückt war, und seit vierzehn Tagen befand sich, wie mir von guten Bekannten eifrigst mitgeteilt wurde, ein Vertreter der Firma Howard, namens Bridledrum, in Alexandrien und hatte im Hotel de l?Europe daselbst begonnen, seine Trompete zu blasen. Die Gebrüder Howard waren die ersten Konkurrenten von Fowler; die beiden Firmen hatten schon seit mehreren Jahren einen erbitterten Kampf um den besten Dampfpflug geführt, an dem wir jungen heißen Anteil nahmen. Fowler und sein System waren von Anfang an Sieger gewesen und geblieben, aber Howard besaß eine altberühmte Pflugfabrik, einen großen landwirtschaftlichen Ruf und die bewährte Eigenschaft, nie zu wissen, wenn er geschlagen war. Dies ärgerte mich, als Deutschen, ganz besonders, während ich in technischen Fragen wohl ruhiger und vorurteilsloser urteilte als mancher meiner Freunde und Gegner, vollends jetzt, wo mich nur alte Anhänglichkeit, sonst aber keinerlei weitere Bande an Fowlers Fabrik knüpften. Wenn Howard einen für die Erfordernisse des Niltals geeigneteren Pflug aussenden sollte - um so besser! Meine Aufgabe war, Ägypten zu pflügen. Wer mir hierzu das beste Werkzeug bot, sollte mein Freund sein. Doch das bloße Trompeten in Alexandrien durfte nicht zu weit gehen. Vorläufig waren meine Maschinen in Schubra auf Kosten manchen Schweißtropfens noch Herr im Lande und Verbalinjurien in Alexandrien eben nur Geschwätz.

 

"Herr Meier, jetzt könnten Sie aber wahrhaftig anzapfen; es ist kaum noch neun Minuten bis sieben Uhr!"

 

So ganz nur Geschwätz war übrigens vielleicht doch nicht, was ich von dort vernahm. Die Gebrüder Howard gehörten zu den kaufmännisch rührigsten Ingenieuren Englands, und ihr Agent schien ihrer würdig zu sein. Man brauchte keine feine Spürnase zu haben, um zu vermuten, daß Ägypten in den nächsten Jahren der landwirtschaftlichen Technik ein glänzendes Feld der Tätigkeit bieten muß, und Bridledrum schien Feuer und Flamme zu sein. Er befand sich seit zwei Tagen in Kairo und hatte sich schon eine Audienz beim Vizekönig zu verschaffen gewußt. Schüchtern war der Mann offenbar nicht. Auch war das Publikum in Shepheards Hotel, wo er wohnte, bereits unterrichtet, daß der beste Dampfpflug, der eigentliche Dampfpflug für Ägypten, der einzige für Baumwolle geeignete Dampfpflug, endlich im Begriff sei, in Alexandrien anzukommen. Bridledrum wolle nichts sagen, er hasse leere Worte, wenn es sich um ernste, praktische Fragen handle. Aber daß der Humbug mit den teuern Fowlerschen Doppelmaschinen in ein paar Monaten explodiert sein werde, darauf könne jedermann Gift nehmen, der Lust habe, eine harmlose Probe zu nehmen. Diese Neuigkeiten hatte mir mein Freund O?Donald, der Prokurist von Briggs & Co., damals Halim Paschas und aller Welt Bankiers, schon gestern mitgeteilt. Er war expreß nach Schubra geritten, um mir ein Vergnügen zu machen. Der Bridledrum sei ein Teufelskerlchen, und was den Pflug betreffe, so sei die Sache doch schwer zu beurteilen. Hinter einem solchen Mundwerk könne am Ende auch ein guter Pflug stecken.

 

Derlei Dinge ärgern uns bei dreißig Grad Réaumur mehr als bei fünfzehn, so daß es mir vorkam, als ob die Sorgen auf den scheinbar leeren Gartenstühlen neben mir sich ungebührlich reckten und dehnten. Doch drei kräftige Schläge im Dunkel von Meiers Höhle verkündeten jetzt, daß es sieben Uhr war, und zwei liebe Bekannte schüttelten mir, von ihren Eseln springend, die Hände. Sie hatten das Ereignis der Woche auf die Minute erraten. Bald hörte man deutsche Klänge von allen Seiten. Der dumpfe, enge Raum füllte sich. Alles nahm Platz, dem Fäßchen so nahe als möglich: Schneider und Bäcker, Gelehrte und Konsuln, Kaufleute, Missionare, Afrikareisende, Weltenbummler; ein einig Volk von Brüdern, trotz aller Dialekte unseres großen Vaterlandes, das in der Heimat ums Jahr 1864 ferner von seiner Einheit schien als je.

 

Der eine meiner Freunde war ein baumlanger Mann mit tiefer Baßstimme und einem blonden, struppigen Bart; nach oben hin bereits etwas kahl; eine Teutonengestalt in entsprechend mangelhaftem Anzug. Er hieß Beinhaus. Doktor Beinhaus. Im Jahre 1848 hatte er in Hessen versucht, an der Erhebung des Vaterlandes mitzuarbeiten, und keine günstigen Ergebnisse erzielt. Seit der Zeit war er auf Reisen, wozu ihn das Vermögen eines Onkels befähigte, der in und an den Schreckensjahren gestorben war, welche ihm das Erwachen Deutschlands bereitete. Neben einem humorvollen Haß gegen seinen Landesfürsten, der ihn wegen eines Duells zu Ehren einer Dame, für die sich Seine Durchlaucht interessierte, um ein Haar zum Hofrat ernannt hätte, und einer unbegrenzten Verehrung für preußische Politik und Schneidigkeit, denen er seinerzeit mit knapper Not und dem nackten Leben entwischt war, beseelte ihn das Streben, diejenigen Punkte der Erde aufzusuchen, wo Blut vergossen wurde, und womöglich daran teilzunehmen. Nicht aus Menschenhaß und ohne eine Spur von bösartigen Hintergedanken; er schien diesen seinen Lebenszweck als eine berechtigte Leibesübung zu betrachten; oder wenn wir tiefer gehen wollen, als ein subjektives Seelenbedürfnis. Hätte Nietzsche schon damals seine blonde Bestie gemalt, Beinhaus hätte ihm als das gutartigste Modell der Spezies dienen können. Drei mächtige Schrammen zierten sein Gesicht und fünf weitere Narben den zerhauenen Leib, die man anstandshalber auf Treu und Glauben hinnehmen mußte. Er war nicht übermäßig bereit, die Geschichte seiner ehrenvollen Wunden mitzuteilen; um so unerschöpflicher war er, wenn jemand die Unvorsichtigkeit hatte, eine philosophisch klingende Bemerkung zu machen. Daß das Ich allein in einer Welt war, die nicht existierte, war für ihn eine unumstößliche Tatsache. Dabei kam er aus Tunis, wo er gehofft hatte, zum Ausbruch einer Palastrevolution zu kommen, die zu seinem Bedauern nicht losging. Jetzt war er auf dem Wege nach Jedda, wo ein Aufstand der Wachabiten von einer ägyptischen Expedition unterdrückt werden sollte. Ursprünglich hatte er sich den Wachabiten anschließen wollen. Er war nämlich selbst Protestant und teilte im allgemeinen die Ansichten dieser Protestanten des Islams. Allein es ging doch nicht, denn er fand bei näherem Studium ihrer Glaubenslehre, daß die Sekte das Rauchen aufs strengste verbietet. So mußte er sich an die Ägypter halten und hoffte durch die Verwendung des österreichischen Konsuls in Kairo, mit dem er zu diesem Zweck eifrig Tarock spielte, eine Offiziersstelle in dem ägyptischen Expeditionskorps zu erhalten. Darauf wartete er vorläufig in Shepheards Hotel, wo sich die beiden Herren zusammengefunden hatten, die seitdem fast unzertrennlich waren.

 

Wenn wir damals arme Deutsche schon ein Feld für wilde Kolonialmenschen besessen hätten, hätte er ein berühmter Mann werden können. Sein Freund und Begleiter war es schon: Heuglin, auch ein Deutscher, auch ein Doktor; ein kleiner schwäbischer Bär, Limpurger Rasse, der Größe nach zu urteilen, etwas trotzig und einsilbig, solange er sich nicht zu Hause fühlte, wozu er Zeit brauchte, unstet und flüchtig wie jener. Er war vor drei Wochen mit den Resten der Tinneschen Reisegesellschaft zur Erforschung der Nilquellen aus der entgegengesetzten Richtung das Rote Meer heraufgekommen. Diese Reste bestanden aus Fräulein Tinne, Schlangen und Affen, teils lebendig, teils in Spiritus, zahllosen Vogelbälgen und drei Särgen. In einem lag Frau Tinne, die Mutter und das Haupt dieser wundersamen Karawane, in den zwei andern die armen Kammerjungfern von Mutter und Tochter, die sämtlich schon in Kartum die Mitwirkung an der Entdeckung der Nilquellen aufgegeben hatten und dort eine Zeitlang begraben waren. Nun, fast ein Jahr später, sollten sie auf dem Christenkirchhof bei Alt-Kairo ihre endliche Ruhe finden. Miß Tinne, eine Mischung englischer Ungebundenheit, deutscher Romantik, holländischer Gemütstiefe und international-weiblichen Eigensinns, wollte sich einen alten halbzerfallenen Mameluckenpalast in der Nähe des Friedhofs kaufen und als halb mohammedanische Fürstin in orientalischer Abgeschiedenheit weiterleben. Heuglin, der das Konservieren von Vögeln aus dem Grunde verstand, hatte sich in der Zeit jenes tragischen Rückzugs unentbehrlich gemacht und war noch immer ihr Majordomus und Großwesir. ?Vorläufig,? dachte er, was er seinen Freunden nur mangelhaft verbarg.

 

"Alles auf sich beruhen lassen - nein! Das geht schlechterdings nicht!" sagte Doktor Beinhaus, nachdem wir, in andächtiger Erinnerung an die ferne, kühle Heimat, den ersten lechzenden Durst gestillt hatten, und klopfte zornig mit dem leeren Glas auf den Blechtisch, der ihm als lauttönender Kriegsschild diente. "Sie sind natürlich der gutmütige Deutsche, wie er aus den Büchern gekrochen kommt, quälen sich da unten auf ihren Baumwollfeldern wie ein Nigger und bringen wirklich etwas zustande, was seit sechstausend Jahren noch niemand am heiligen Nil gesehen hat - Sie müssen das sehen, Heuglin! Ein Dampfpflug! Ein Dampfpflug in Fellahhänden ist sehenswert. Das läuft wie ein verrückt gewordenes Schiff übers Feld, wirft Schollen herum wie Wasserwogen, und an den beiden Feldenden pustet und pfeift und rasselt eine mammutartige Eisenmasse und läuft von Zeit zu Zeit vorwärts, als ob sie die ganze Geschichte satt hätte und durchbrennen wollte. Ich verstehe nichts davon, aber es soll etwas dabei herauskommen, habe ich mir sagen lassen. Wenigstens schwitzt sich dieser Eyth die Seele aus und würde ein paar Millionen hinterlassen, die ich gerade brauchen könnte, wenn er kein Landsmann von uns wäre. Und nun kommt ein kleiner englischer Schwadroneur und trompetet in alle Welt hinaus, das sei alles Kinderei und Krimskrams! Der wahre Dampfpflug komme erst, wenn er erscheine. Ich ließe mir?s nicht gefallen!"

 

Und Beinhaus trank zornig sein zweites Glas aus.

 

"Ich lass? mir?s auch nicht gefallen!" sagte ich, aber ich kann warten. Wenn er kommt, werden wir ja sehen."

 

"Wenn er klug ist", meinte Heuglin, mit dem schlauen Blinzeln eines echten Schwaben, der die Welt kennt, ohne daß man es ihm ansieht, "wenn er klug ist, kommt er gar nicht. Sie pflügen ihm gut genug. Machen Sie nur so weiter. Mehr braucht er nicht, um den Feldzug zu beginnen. Sie wissen noch nicht, daß Sie in Ägypten sind, lieber Eyth. Ein paar tüchtige Bakschischs am richtigen Fleck tun Wunder, einen guten Dragoman, der schwatzen kann wie er selbst, findet der Mann. Wenn dann Ihre Fellachen ihm den Gefallen tun, den Fowlerschen Pflug in den nächsten Wochen ein- oder zweimal zusammenzubrechen, wozu sie ganz besonderes Talent haben sollen, wie ich im Hotel höre, dann hat er für die nächste Zukunft gewonnen und Sie das Nachsehen."

 

"Ich ließe mir?s nicht gefallen," rief Beinhaus in wachsendem Grimm. "In diesen Ländern muß sich der Mensch seiner Haut wehren, wenn er sie nicht über die Ohren gezogen haben will. Vollends ein Deutscher. Aber wir Deutsche sind nicht wahrhaft glücklich, wenn uns nicht jemand die Haut über die Ohren zieht."

 

"In dieser Hitze! Es hat alles seine Berechtigung!" suchte ich ihn zu beruhigen. "Übrigens zieht in unserem Fall ein Engländer dem andern das Fell über die Ohren, wenn es zum Schlimmsten käme. Fowler und Howard gehören beide unsern entfernteren Vettern teutonischer Rasse an. Das sollte ihnen eigentlich Spaß machen, Beinhaus!"

 

"Na nu!" berlinisierte mein zorngemuter Freund, der mich durchschaute und wohl wußte, daß ich keineswegs so kaltblütig war, als ich mich stellte. Beide erzählten mir dann des näheren, wie Bridledrum unter der Veranda des Hotels Shepheard, in den Kontoren der Kaufleute von Kairo und in den Diwans der Regierung und der Paschas das kommende Glück Ägyptens besang, das dem Lande der Howardsche Dampfpflug bringen mußte, und wie man bereits da und dort Schubra und den armen Halim Pascha bemitleidete, der sich abquälte, das unglückselige System Fowlers einzuschleppen, wo doch so viel Besseres vor der Türe stehe. "Ich will nicht aufhetzen", sagte Beinhaus zu Heuglin, indem er seine furchtbaren Schnurrbartspitzen nach oben drehte und mich seitwärts ansah, aber ich halte es für unsre Aufgabe, diesen einfachen Landbewohner zu witzigen, soweit es möglich ist. - Barmherziger Wodan! Der Meier muß das Fäßchen schon schief stellen! - Ich halte es für meine nationale Pflicht, dem armen Eyth beizustehen."

 

Das in jenen Tagen noch so gut wie vaterlandslose Trio stieß die Gläser zusammen und trank seine Reste. Man mußte sich beeilen, wollte man nicht zu kurz kommen, und beobachtete die heimischen Sitten im fremden Land treuer als im eignen. Wir wissen heute kaum mehr, wie es dem Deutschen draußen in der Welt zumute war damals, als unser Nationallied Vers für Vers aus einer fortgesetzten Frage bestand und uns die andern, wenn sie in guter Stimmung waren, freundlich und mitleidig auf die Schultern klopften; wir waren so völlig harmlos.

 

In diesem Augenblick trat mein Freund O?Donald ein und setzte sich ohne Umstände zu uns; ein junger Kaufmann irischer Herkunft und zugleich Sportsmann mit Leib und Seele. Als solchen hatten ihn auch Beinhaus und Heuglin schon kennengelernt. Dem letzteren hatte er für seine Vogeljagden in Fayum zwei englische Hunde geliehen, wodurch eine innige Freundschaft zwischen den beiden entstanden war. Auch mir war O?Donald ein guter Kamerad, abgesehen davon, daß er meine kleinen Bankgeschäfte besorgte und als Prokurist von Briggs & Co. der Hauptagent für einige der größten englischen Geschäfte war. In der Form von englischem "Chaff ", diesem seiner Nation eigentümlichen Austausch von Wahrheiten in Gestalt von gutartig-derben Witzen, konnte man ihm die größten deutschen Grobheiten sagen und sich mit ihm an seiner Freude darüber freuen.

 

Er kam von Shepheards Hotel in fröhlicher Aufregung und hatte mich gesucht. Allerdings hatte ich ihm bereits Sinn und Verständnis für deutsche Biere beigebracht, so daß er die Bedeutung der Samstagabende bei Meier kannte. Dies hatte ihm das Suchen erleichtert. In das Sprachgemenge des schwülen Stübchens, in dem Deutsch, Französisch, Italienisch, Griechisch und von außen etwas Arabisch und Türkisch zusammenklangen, mischten sich jetzt auch die Wohllaute des Englischen.

 

"Wissen Sie schon, daß es aus mit Ihnen ist?" rief er seelenvergnügt und klatschte nach indisch-ägyptischer Art in die Hände, um seinen Schoppen zu bekommen. Drüben bei Shepheard sollten Sie Mister Bridledrum hören! Das ist ein Mann! Fred George ist ganz weg! (Fred George war der englische Telegraphendirektor der ägyptischen Regierung und einer meiner zweitbesten Freunde.) - Ich bin es noch!" fuhr O?Donald. fort. "Da fiel mir ein, daß Sie hier sitzen könnten. Kommen Sie mit! Vielleicht predigt er noch!"

 

"Er soll kommen und pflügen, das ist gescheiter als predigen," sagte ich, ohne mich aufregen zu lassen. "Ich gebe ihm Land in Schubra, soviel er haben will."

 

"Passen Sie nur auf, er wird schon kommen," meinte mein englischer Freund. "Aber schwatzen sollten Sie ihn hören; einfach großartig! Außer Howard gibt es nichts auf der Welt. Howard ist der Einzige, der Große, und Bridledrum ist sein Prophet. Er versteht, wie man in diesen Gegenden eine neue Religion gründet. Überdies ist er mein Landsmann. Darauf hat jedermann nur gewartet; natürlich. Wie Fowler einen Deutschen hierherschicken konnte, war mir von jeher unbegreiflich; einen Schwaben, made in Germany! Aber Sie können jetzt getrost einpacken!"

 

Wir stießen an! Auch diesen schönen germanischen Brauch hatte er schon gelernt und übte ihn fleißig.

 

"Hergeschickt hat mich Fowler überhaupt nicht", sagte ich. "Das war ein unverdienter Segen von oben für Sie und für ihn. Aber was blies dieser neue Trompeter bei Shepheard weiter?"

 

"Vor acht Tagen war er beim Vizekönig und gestern bei Ihrem Pascha und hat ihm Pläne und Zeichnungen vorgelegt."

 

"Papier!" warf ich ein.

 

"Papier," gab O?Donald zu, "aber mit Erläuterungen, daß dem Vizekönig die Schweinsäuglein funkelten. Er möchte schon lange gerne schlauer sein als sein Onkel in Schubra. Mein Haus in Alexandrien schreibt mir heute, wir müssen uns vorsehen und, unbeschadet der Interessen von Fowler & Co., wenn möglich auch die Agentur von Howards Pflügen in die Hand bekommen. Der alte Briggs in Alexandrien weiß, wie der Wind weht, und ich habe heute nicht umsonst unserem Freund Bridledrum eine Stunde lang zugehört. Es war keine Kleinigkeit. Der Mann hat wirklich eine unnatürlich bewegliche Zunge."

 

"Commercial honesty!" brummte Beinhaus und schien bösartig werden zu wollen. Ich kannte O?Donald und seine Sprache besser und wußte, daß es keine ehrlichere Haut am Nil gab, was allerdings nicht viel sagen wollte.

 

"Kaufmännische Ehrlichkeit hole der Kuckuck," rief er warm und vergnügt. "Wer uns die größte Kommission verspricht, dem müssen wir glauben. Das scheint vernünftig, nicht? - Von dem technischen Kram verstehen wir nichts und brauchen nichts zu verstehen; das verwirrt nur. Glaubt ein Fabrikant an sein eignes Fabrikat, so kann er eine saftige Kommission wagen. Sie kommt ihm zehnfältig zurück. Deshalb ist die Höhe der Kommission auch ein Maßstab für die Vortrefflichkeit der Sache, so gut als ein andrer. Hiervon verstehen die Gelehrten nichts. Brummen Sie nur weiter, Herr Doktor! - Prosit!"

 

Er trank Beinhaus ein Viertel vor. Auch das hatte er in unsrer Gesellschaft bereits gelernt. Deutsches Bier und deutsche Sitte begannen, wenn auch schüchtern, schon damals ihren Eroberungszug durch die Welt.

 

"Der Abschied von Eyth wird mir sauer fallen, ich will's gern gestehen," fuhr er fort, sich mir wieder zuwendend, "denn im großen ganzen gehörten Sie zu einer ganz erträglichen Varietät der teutonischen Abzweigung der englischen Rasse. Aber wir müssen uns alle ins Unvermeidliche fügen, und Sie werden einpacken, sobald Bridledrum in Wirklichkeit hereinbricht. Er wartet nämlich bloß auf die Ankunft seiner Maschinen, die mit vier englischen Arbeitern erster Klasse, Schlossern, Schmieden, Pflügern - was weiß ich! - schon zwischen hier und Malta schwimmen sollen. Vier Engländer! Lieber Eyth, Sie waren in England. Sie wissen, was das heißt. Vierzig Deutsche und vierhundert Fellachen könnten vier Engländer in ihrem Siegeszug nicht aufhalten, von Bridledrums Mundwerk gar nicht zu sprechen, das wir, billig gerechnet, auf fünfundzwanzig Deutsche anschlagen müssen."

 

"Er hat wirklich einen Pflug unterwegs?" fragte ich gespannt und hoffnungsvoll.

 

"Glauben Sie, die Howards schwatzen nur?" entgegnete O'Donald. "Sobald Bridledrum sah, wie hier das Land lag, und daß es ein Deutscher in Schubra ein wenig verpfuscht hatte, telegraphierte er nach Bedford, und mit dem nächsten Schiff war die Zukunft Ägyptens unterwegs. Hören müssen Sie den Mann. Ich gebe zu, er ist mehr als englisch. Seine Mutter sei eine Französin gewesen, wurde mir gesagt. Der Schwung, die Figarogewandtheit, mit der er die ganze Hotelveranda einseift, ist nicht englisch. Nein, glauben Sie mir, mit dem armen Fowler ist es aus. Dabei schimpft er nicht über Sie, bleibt durchaus anständig, zeigt sogar ein herzliches Mitleid mit Ihnen. - Prosit! - Es ist hart, packen zu müssen. Aber wir sehen uns wohl in einer besseren Welt wieder, bei Simson im Strand zum Beispiel. Wenn wir daran denken, in diesem heißen, dumpfen Kellerloch!"

 

Das Fäßchen stand jetzt auf dem Kopf. Ein paar hallende Schläge gegen seinen hohlen Bauch teilten der bewegten Gemeinde mit, daß es aussichtslos war, noch einen Tropfen aus der heimatlichen Quelle zu erwarten. Auf acht Tage war sie wieder versiegt, und zögernd entfernte sich eine Gruppe nach der andern, die einen etwas laut und glücklich, daß wieder einmal deutsches Naß ihre lechzenden Kehlen und deutsche Gemütlichkeit die vertrocknenden Seelen erquickt hatte, die andern, und sie waren leider weitaus die Mehrzahl, murrend, daß dieser Narr, der Meier, sich nicht überreden lassen wollte, drei statt eines Fäßchens kommen zu lassen. "Abstehen! - Unsinn!"

 

Auch wir verließen das Kneipchen. Es war rasch Nacht und plötzlich stille in der Muski geworden. Der ägyptische Mond schien uns voll und hell entgegen. Von der damals noch wild verwachsenen Esbekieh herüber tönte der schrille Lärm der erwachenden Grillen und die unterbrochenen Paukenschläge einer böhmischen Musik. Hunde schlichen lautlos unter dem Schatten der Häuser hin. Noch immer saß der bleiche Missionar vor der Türe und starrte mit seinen großen wasserblauen Augen in die volle Mondscheibe, auf jeder Wange einen Fleck hellen, krankhaften Rotes, das einzige halbgeleerte Glas wohl seit einer Stunde unberührt neben sich. ein eigentümliches Bild hoffnungsloser Entsagung, hoffnungsvoller Ergebung. Man sieht so manches am Rande der großen Heer- und Wasserstraße des Lebens, das nicht auf den ersten Blick zu entziffern ist. Und nicht jeder schwimmt lustig im Strome mit, und auch nicht jeder, der lustig mitschwimmt, erreicht das Ziel, nach dem er die Arme ausstreckt. Wir nickten dem Manne zu ohne eigentlichen Grund, denn keiner von uns kannte ihn. Er war aber jedenfalls ein Landsmann, und man wurde damals mit Landsleuten rasch und ohne viele Umstände gut Freund in der Muski zu Kairo.

 

Eine Gegenmine

 

Auf dem einsamen Nachtritte nach Schubra reifte mancher meiner Pläne. In die melancholische Sykomorenallee, die wie ein schwarzer Tunnel vor mir lag, fiel da und dort durch eine ihrer wenigen Lücken ein Streifen des Mondlichts und beleuchtete nicht selten einen Schakal, der sich bis hierher verirrt hatte und halb scheu, halb trutzig davonschlich, wenn Mustapha, der etwas furchtsame Eseljunge, ihm von weitem und überlaut sein "Yemenak! Schimala!" ("Rechts! Links!") Du Sohn eines Hundes!" zuschrie. Aus der Ferne tönte das unablässige Hundegebell um die Dörfchen am Wege; in der Nähe, in den mondbeglänzten Klee- und Weizenfeldern, zirpte eine Million von unsoliden, nachtschwärmerischen Grillen mit betäubenderem Lärm, je näher man Schubra kam, dessen helle, weißgetünchte Hütten und Häuser nach einer kleinen Stunde zwischen den schwarzen Stämmen durchschimmerten. Als ich vor meinem Hause abstieg, war mein Entschluß gefaßt: ein ehrlicher und öffentlicher Wettkampf sollte die Frage entscheiden, welchem Pfluge, Fowlers oder Howards, in den nächsten Jahren der Boden Ägyptens gehören müsse, und dieser Kampf sollte in Schubra ausgefochten werden. Die Pyramiden von Cheops und Chephren, die aus der mondbestrahlten Wüste herüberwinkten, sollten Zeuge sein. Sie hatten schon andre Kämpfe mit angesehen ...

 

Als ich am folgenden Tage gegen elf Uhr in der glühenden Sonnenhitze des nahen Mittags vom Felde geritten kam, wo ich mich mit Halim Pascha eine Stunde lang über einen kommenden Furchenpflug für Baumwolle besprochen und ihn in eine fast ebenso hoffnungsfrohe Stimmung hineingearbeitet hatte wie mich selbst, stand "Lord Palmerston" vor meiner Gartentüre. Ich kannte den prächtigen weißen Esel; er war der stattlichste der munteren Schar, die vor Shepheards Hotel Fiakerdienste versieht. Ich wußte deshalb, daß mich ein Besuch erwartete, der mir schon durch sein äußeres Auftreten Achtung einzuflößen versuchte. Mein abessinischer Koch und Haushofmeister bestätigte dies mit geheimnisvollem Eifer. Der fremde Herr liege drinnen auf dem Diwan und warte schon seit einer Stunde auf mich. In dem fast finsteren, aber köstlich kühlen Empfangszimmer erhob sich, als ich eintrat, ein kleiner Herr mit kugelrundem, kahlgeschorenem Kopf, kleinen listigen, aber nicht bösartig zwinkernden Augen, einer stumpfen Nase und einem gottbegnadeten Mund, soweit seine Größe in Betracht kam; in weißem Anzug, gelben Lederschuhen und einem dunkelroten Tarbusch, der in völlig korrekter Stellung auf dem hinteren Teil seines Hinterkopfes saß. "Mister Bridledrum aus Bedford in England!" -- "Ingenieur Eyth! Sehr angenehm, Herr Bridledrum! Bitte, behalten Sie Platz!"

 

Ich klatschte in die Hände. Mein Abessinier, der die Sitten und Gebräuche bei englischen Besuchen bereits wohl kannte, brachte ohne weitere Anweisung eine Flasche Whisky, eine Flasche Brandy und eine Gulla, die herrlichste Erfindung der alten Ägypter, den porösen Wasserkrug, in dem durch Verdampfung das Nilwasser um so kälter wird, je heftiger die Sonne darauf scheint. Schon damals verstanden sie etwas vom Dampf.

 

Bridledrums liebenswürdige, fast unenglische Gesprächigkeit war kein leeres Gerücht. Er versicherte, daß er schon in Alexandrien, nein, schon in England von mir gehört und nichts sehnlicher gewünscht habe, als mich kennenzulernen. Er sei entzückt, daß dieser Wunsch jetzt in Erfüllung gehe. Engländer - er meine Europäer -müßten sich überall fest zusammenschließen, um in diesen fremden Ländern der Kultur, dem Christentum und dem Handel Bahn zu brechen. - Dabei sah er mich plötzlich etwas unsicher an. Nein, ich war kein Jude. - Ich sei ein Mann, der in kurzer Zeit glänzende Erfolge erzielt habe - mit mangelhaften Mitteln, wenn er sich als Nicht-Ingenieur erlauben dürfe, eine Meinung zu äußern: mit völlig unzureichenden Hilfsmitteln! Aber man wisse auch, daß ich nur der Sache diene und mir ein selbständiges technisches Urteil bewahrt habe. Er wende sich deshalb fast in erster Linie, er dürfe sagen, ganz in erster Linie an mich, teils um Rat in bezug auf die landwirtschaftlichen Verhältnisse Ägyptens, teils um Unterstützung im Interesse des Landes, für das der beste Dampfpflug von höchster Bedeutung werden müsse. Nun sei, wie ja längst jedermann wisse, der England besucht habe, der Howardsche Pflug anerkanntermaßen ...

 

"Gewiß!" sagte ich, rasch entgegenkommend. "Auch ich habe schon von Ihnen viel Schönes gehört, Herr Bridledrum. - Etwas Whisky gefällig? Oder Brandy? Man braucht in diesem Lande von Zeit zu Zeit eine kleine Kühlung."

 

"Whisky, wenn ich bitten darf. Sie wissen, die Bridledrums stammen aus Schottland," belehrte mich mein neuer Freund, zutraulicher werdend, "obgleich ich, mütterlicherseits, den Kognak vorziehen sollte." Er war sichtlich angenehm berührt von der Unterhaltung, die eine so praktische Form anzunehmen schien. Dann erzählte er mir, daß seine Maschinen samt vier Mann geschulter Bedienung gestern in Alexandrien angekommen seien. Die Herren Howard seien entschlossen, zu zeigen, was ihre Apparate auf ägyptischem Boden leisten können, obgleich für einen Sachverständigen wie mich eine derartige Demonstration kaum nötig wäre. Für die Paschas und für die übrigen Niggers im Lande sei dies allerdings etwas andres. Nun brauche er aber ein passend gelegenes Feld und natürlich auch manche andre kleine Unterstützung, Kohlen, Wasser und dergleichen, um den Pflug in Tätigkeit vorzuführen, und bis jetzt sei es ihm leider nicht völlig geglückt, die Verwaltungsbehörden des Vizekönigs in Bewegung zu setzen. Es fehle dort noch ein wenig an Verständnis für die Sache, und der Pascha selbst habe keine Zeit, die Vorzüge der Anwendung gewöhnlicher Lokomobilen zur Pflugarbeit zu erfassen. Man habe ihn zwar vierzehn Tage lang in Alexandrien von einem Diwan auf den andern geschickt, oder in den andern, wie man komischerweise hier sage. Er habe dabei drei Eimer Kaffee getrunken und sein Nervensystem auf Jahre zugrunde gerichtet. Nun komme er nach Schubra, um den hochintelligenten Halim Pascha, diesen Mann des Fortschritts - nein, um vielmehr mich zu bitten, die Sache in die richtigen Wege zu leiten. - Bridledrum hielt inne, nahm jetzt auch etwas Brandy, vielleicht um seine Mutter nicht zu kränken, die ihm sichtlich beigestanden hatte, denn ein unverfälschter Schotte hätte diese Einleitung nie zu Ende gebracht, wischte sich den Schweiß von der Stirn und fuchtelte mit seinem Taschentuch wie eine Windmühle. Ich begann zu vermuten, daß auch seines Vaters Mutter eine Französin gewesen sein müsse.

 

Nun versicherte ich, daß ich ihm Land verschaffen werde, wann und soviel er wünsche. Das habe ihm ja Halim Pascha schon zugesagt, der mir heute die nötigen Weisungen gegeben habe.

 

Er war entzückt.

 

"Auch Wasser und Kohlen sollen Sie haben," versprach ich weiter, "wie wenn Ihr Pflug mein eignes Kind wäre; und Hilfsarbeiter in der Gestalt von Fellachen kann ich Ihnen zur Verfügung stellen, soviel Sie irgend wünschen."

 

Er war entzückter.

 

"Denn ich bin ganz Ihrer Ansicht, Herr Bridledrum," fuhr ich fort. "Wir haben kein andres Interesse, als festzustellen, welches die brauchbarste Form des Dampfpfluges für Ägypten ist. Es ist richtig, ich war früher einer von Fowlers Leuten. Aber das liegt hinter mir. In meiner jetzigen Stellung ist es meine Pflicht, für die besten Geräte auf unsern Gütern zu sorgen, mögen sie kommen, von wem sie wollen, und mein Verhältnis zu Halim Pascha macht mir dies zu einem höchst anregenden Vergnügen, auf das ich niemals freiwillig verzichten würde."

 

"Ich kann den Ausdruck meines Entzückens nicht länger zurückhalten, Herr Eyth," platzte Bridledrums französische Mutter aus ihm heraus, "in Ihnen unverhofft, ich gestehe, ganz unverhofft, einen Mann von solchen Gesinnungen gefunden zu haben. Ich weiß, daß meine Chefs, die Gebrüder Howard, ganz Ihrer Ansicht sind. Es handelt sich darum, zu zeigen, daß der Howardsche Pflug der beste in der Welt ist. Auf Einzelheiten brauche ich Ihnen gegenüber nicht einzugehen. Ich habe nicht die Ehre, Ingenieur zu sein. Aber wenn die Dankbarkeit, praktische, greifbare Dankbarkeit für Ihre unbezahlbare Unterstützung ..." - er drückte mir die Hand, stumm und schmerzhaft; fühlbar kam jetzt der schottische Vater an die Reihe.

 

"Ich bin kein Kaufmann und zur Zeit nicht einmal Agent für eine dieser großen Weltfirmen," sagte ich, mich ihm entwindend, "aber ich denke, die Sache läßt sich am besten feststellen, wenn wir hier, auf den Feldern von Schubra, ein kleines Wettpflügen veranstalten. Sie kommen mit Ihren Engländern und dem Howardschen Apparat, und ich lasse meine Araber im Nachbarfelde mit dem Fowlerschen Pflug tun, was sie zu tun imstande sind. Sie müssen natürlich etwas Nachsicht mit den Leuten haben; ich habe augenblicklich keine englischen Arbeiter zur Bedienung der Fowlerschen Pflüge verfügbar. Mein einziger Mann befindet sich gegenwärtig in Oberägypten. Wir messen dann gemeinsam Land, Kohlen, Wasser und was Sie noch zu messen wünschen, und wenn wir zuvor ein wenig Lärm schlagen -das überlasse ich ihnen, Herr Bridledrum, Sie verstehen es vortrefflich -, dann kommt ganz Kairo heraus und. bewundert den Sieger."

 

Bridledrums rundes Gesicht wurde oval und während der weiteren Entwicklung dieses entgegenkommenden Vorschlags immer länger, seine dünngeschlitzten Äuglein rund wie Fischaugen.

 

"Ja - gewiß - das heißt -," sagte er, nach Luft schnappend. Es schien ihm unerträglich heiß zu werden, was ja der März in Ägypten hinlänglich erklärte.

 

"Ich habe heute früh den Plan mit dem Prinzen besprochen," fuhr ich fort. "Er ist Feuer und Flamme dafür. Sie wissen, er ist ein wenig Sportsmann, wie vermutlich auch Sie. Ihren Landsleuten ist ja ein ehrlicher Wettkampf bei jeder Gelegenheit das höchste Vergnügen. Und ehrlich soll es zugehen, ?fair play all round?. Dafür wollen wir - Sie und ich - schon sorgen. Wann können Sie mit Ihren Maschinen hier sein?"

 

"Ein vortrefflicher Gedanke!" stöhnte Bridledrum, die neu ausbrechenden Schweißtropfen eifrig von der Stirn tupfend; "das heißt, es wäre mir eigentlich lieber, wenn jeder für sich - wenn es Ihnen ganz gleichgültig ist, würde ich eigentlich gerner ..."

 

"Sie sollen die Wahl des Feldstückes haben," unterbrach ich ihn mit wachsender Liebenswürdigkeit. "Hinter dem Palast liegen fünfzig Hektar Baumwolland. Die Wolle ist schon eingeheimst; in acht Tagen sind die Stauden abgeräumt. Sie nehmen davon fünfundzwanzig, mehr, wenn Sie wollen, Fowlers Maschinen den Rest. Wie gesagt, Sie sollen die Wahl des Stückes haben! Es liegt mir daran, Ihnen alle derartigen kleinen Vorteile zuzuwenden. Sie sind auf fremdem Boden, und dies entschuldigt eine kleine Parteilichkeit zu Ihren Gunsten. Halim Pascha hat mir das selbst eingeschärft. Er betrachtet Sie als unsern Gast; und Sie kennen die Gastfreundschaft des Arabers. Halim Pascha hält etwas darauf. Seine Mutter war eine Beduinin."

 

Es entstand eine Pause. Bridledrum brauchte etwas Zeit und tat einen kräftigen Zug aus seinem Whiskyglas, um sich zu fassen. Mein Abessinier trat ein und wollte wissen, ob man "Lord Palmerston" ein paar Handvoll Pferdebohnen geben dürfe. Sein Eseljunge meine, er habe Hunger. "Gewiß," rief ich in einem Tone, der bewies, daß auch ich die Gastfreundschaft des Arabers zu üben wisse. Mein englischer Freund erhob sich, sauersüß lächelnd.

 

"Und Sie glauben nicht, daß man die Sache noch anders gestalten könnte?" fragte er zögernd. "Es wäre mir lieber, ganz entschieden lieber gewesen, Ihnen und einigen Herren in Kairo ganz unter uns nachzuweisen, welche Vorteile Howards Einmaschinensystem gegenüber den teuren Doppelmaschinen hat, an die sich der unglückliche Fowler neuerdings zu klammern scheint. Ein eigentliches Wettpflügen ist hierbei eher hinderlich. Es verwirrt das Urteil. Man findet nicht die nötige Ruhe zu völlig unparteiischen Beobachtungen -"

 

"Ganz unmöglich, lieber Bridledrum!" rief ich aufmunternd. Halim hat die Sache mir wahrer Leidenschaft aufgefaßt. Überdies will er bei dieser Gelegenheit sehen, was seine Fellachen gelernt haben. Natürlich wird er, wahrscheinlich zu seinem Ärger, gleichzeitig erfahren, was vier geschulte Engländer dagegen leisten. Wir können ihm diese unangenehme Überraschung nicht ersparen, denn in wirklich entscheidenden Augenblicken müssen wir Europäer doch schließlich zusammenhalten,. Etwas nachsichtig müssen Sie allerdings sein, Herr Bridledrum; denn sehen Sie, die einen leben von Klee, buchstäblich von Klee, und die anderen sterben, wenn sie kein Beefsteak bekommen. Das fällt ins Gewicht. Aber all dies bleibt hochinteressant, und wenn ich den Prinzen richtig verstanden habe, so fährt er noch heute zu seinem Neffen, dem Vizekönig, um ihn zu dem Scherz einzuladen. Von dem wissenschaftlichen Ernst, den Sie und ich mit dieser Probe verbinden, haben die hohen Herren natürlich keinen Begriff, aber an Publikum wird es nicht fehlen, das Ihre Triumphe nach allen Winden zu tragen bereit ist. Ganz Kairo und halb Alexandrien wird nach Schubra herausströmen. Wahrhaftig, Bridledrum, Sie sind mir eine Flasche Sekt schuldig! Niemand in Ägypten hätte Ihnen eine solche Gelegenheit bieten können, Ihr Licht leuchten zu lassen."

 

Es gelang nicht, ihm meine Freudigkeit mitzuteilen. Er blieb verstimmt und schien plötzlich in Eile zu sein. Selbst ein drittes Glas Whisky vermochte ihn nicht zu fesseln. Höflich begleitete ich ihn vor die Gartentüre. Nein, er wollte das für die Versuche bestimmte Feldstück jetzt nicht ansehen. "Palmerston" mußte die Hälfte seiner Pferdebohnen unverzehrt verlassen und verschwand verdrießlich mit seinem Herrn hinter den Tamarisken, die vor meinem Hause standen.

 

Nicht unzufrieden mit mir selbst und der Arbeit dieser Morgenstunde, kehrte ich in meine dunklen Zimmer zurück, warf mich auf den Diwan und wartete auf das einfache und dennoch nicht selten rätselhafte Gabelfrühstück, das mein abessinischer Kochkünstler im Schweiß seines Angesichts zurichtete.

 

Vorbereitungen

 

Von Alexandrien nach Kairo fuhr man damals mit der Bahn in sechs bis sieben Stunden, wenn alles gut ging. Ein Dampfpflug auf einem Güterzug brauchte etwa vierzehn Tage. Von Zeit zu Zeit brachte mir der eine oder andre meiner Bekannten die Nachricht von Schubra, wie die Leistungen des Howardschen Apparates im Hotel Shepheard in diesen zwei Wochen von Tag zu Tag wuchsen. Ich konnte dies Bridledrum nicht allzusehr verübeln. Vierzehn Tage lang auf Shepheards Veranda oder an der Gasthoftafel selbst des besten ägyptischen Hotels auf einen Dampfpflug warten zu müssen, ist eine schwere Prüfung. Jedermann fragt den Armen wohl zehnmal täglich, ob denn sein Pflug noch nicht angekommen sei, zehnmal des Tages muß er das System und seine Vorzüge bald einem General, bald einer jungen Witwe, bald einem Kreise gelangweilter Nilreisender auseinandersetzen, die ebenfalls schon seit acht Tagen vergeblich auf ihre Dahabieh warten. Kommt dann vollends jemand von einem Ritt nach Schubra zurück, der meine Maschinen in der Ferne dampfen gesehen hat, so steigt die Bedrängnis des Ärmsten bis zur Unleidlichkeit. "Nein," muß er erregt versichern, "das war nicht der berühmte Howardsche Dampfpflug. Das waren nur ein paar alte Maschinen der Firma Fowler, die mit folgenden Nachteilen kämpfen." Und dann holte Bridledrum ein Modell aus einem Winkel der Veranda hervor, das er sich in seiner Not zurechtgemacht hatte und das ihm ein armenischer Photographienhändler, der in jenem Winkel seinen bleibenden Wohnsitz aufgeschlagen hatte, um eine kleine Vergütung bewachte. Es bestand aus zwei kleinen Schnupftabaksdosen, die die Dampfmaschinen vorstellten, und einem Hausschlüssel aus Bedford, der den Pflug bedeutete. Das Drahtseil konnte fast immer ohne Schwierigkeit durch Striche im Staub angedeutet werden, der die Marmorplatten der Veranda bedeckte. Sehen Sie, meine Damen«, erklärte Bridledrum, seine Dosen heute vielleicht zum fünftenmal auf den Boden setzend, "Fowler braucht zwei Dampfmaschinen, die er an den entgegengesetzten Enden seines Feldes aufstellt - hier - und hier! Zwischen den Dosen wird das Ackergerät - Sie können sich diesen Schlüssel bequem als den Fowlerschen Balancepflug denken, ein Instrument, das überaus schwierig zu handhaben ist - von Drahtseilen hin und her gezogen, die jede Dose, ich meine jede Maschine, abwechslungsweise auf einer Trommel aufwindet." - "Hat er auch einen Trommler?" fragte das achtjährige Söhnchen der Witwe mit plötzlich erwachendem Interesse. - "Ist der Schlüssel einmal hin und her gelaufen - so!" fährt Bridledrum fort, ohne das Söhnchen einer Antwort zu würdigen, "so hat er einen schmalen, einen ziemlich schmalen Streifen gepflügt - ich meine natürlich den Pflug, nicht den Schlüssel. - und die beiden schweren Maschinen müssen nun mit ihrer eigenen Dampfkraft mühselig vorrücken, so daß ein neuer Streifen in Angriff genommen werden kann; wobei sie gewöhnlich versinken. man nennt das ein Doppelmaschinensystem. Fowler baut es allerdings erst seit einem Jahr - das reinste Experiment -, und Sie werden kaum begreifen, Herr General, was er eigentlich damit bezweckt. Wir auch nicht! -Nun, bei Howard ist die Sache viel einfacher. Er hat nur eine Schnupftabaksdose nötig. Sie wird in der Ecke des Feldes aufgestellt: - so! - und daneben die Seilwinde mit ihren zwei Trommeln und davor der sogenannte Snatschblock, von dessen zwei Seilscheiben aus das Drahtseil in jeder Richtung über das Feld laufen kann. Dieses wird um das ganze Feld herumgezogen und läuft in den Ecken desselben über Seilscheiben, die ich mit diesen Kupfermünzen bezeichnen will und die von verlegbaren Ankern festgehalten werden. Zwischen den zwei entferntesten Ankern läuft nun unser Pflug oder Kultivator, ein patentiertes, vielfach verbessertes Instrument, wie der Kuckuck hin und her, und ehe man sich's versieht, ist das Feld bearbeitet. Sie verstehen?"

 

Die Damen verstanden ohne Zaudern; der General, der nicht so sicher war, ob er verstanden hatte, entfernte sich nachdenklich, Er hatte mit dem Dampfpflug, den er bei seinem Morgenritt entdeckte, glänzen wollen und fühlte, daß er den kürzeren zog. - Waren keine Damen im Spiel, so wurde gewöhnlich ohne Modell gearbeitet. Die Berichte waren dann ernster, eingehender. Die Stundenleistung des Howardschen Apparates stieg täglich, der Kohlenverbrauch nahm entsprechend ab, die Wasserzufuhr, die beim Fowlerschen System ganz besondere Schwierigkeiten mache, erschien noch am Schluß der ersten Woche bei Howard als Quantité négligeable, schon weil die Howardsche Maschine auf einem Fleck stehenbleibe - und aus anderen Gründen. "Aber man konnte doch den armen Fowlerschen Experimentierpflug nicht gar zu schlecht machen, indem man seine hundert Nachteile breit ausmalte," entschuldigte sich Bridledrum.

 

O?Donald brachte mir diese Geschichten in meine Landeinsamkeit, strahlend vor Vergnügen; sie versprachen doch einige Bewegung in das Wüstenleben bei Shepheard zu bringen, das im März unerträglich zu werden beginnt. Beinhaus, seiner ernsteren Lebensauffassung entsprechend, berichtete ähnliches mit grimmiger Miene. Anfangs lachte ich. Nachgerade ärgerte mich das unablässige Trompeten Bridledrums doch ein wenig, namentlich nachdem mich eine Gesellschaft junger englischer Damen in den Palastgärten von Schubra gefragt hatte, ob sie den mißglückten englischen Dampfpflug nicht sehen könnten, der hier herum arbeiten solle. Und gerade an diesem Nachmittag war in dem furchtbar harten Boden der vertrockneten Baumwollfelder ein Drahtseil gerissen, so daß der ganze Apparat in der Tat der Beschreibung Bridledrums alle Ehre machte und ich zum erstenmal ernstlich zornig über ihn wurde.

 

Doch auch der Ungeduldigste überlebt schließlich vierzehn Tage. Bridledrum besuchte mich zum zweitenmal. Er war in froher Erregung. Seine Maschinen standen auf dem Bahnhof in Kairo. Auch seine Leute waren angekommen und kamen, vier Mann hoch, auf vier Eseln hinter ihm dreingeritten; ruhige, wortkarge Menschen, die keinen schlechten Eindruck machten, wenn sie auch auf ihren kleinen Reittierchen mit den Füßen den Boden streiften und unbehaglich genug dreinsahen. Wir führten die Gesellschaft nach dem für die Prüfung bestimmten Feldstück: genau fünfzig Hektar Land, flach wie ein Teller und zehn Minuten von der Straße nach Kairo so bequem gelegen wie nur denkbar, um der Welt die Wunder der Dampfkultur zu zeigen. Ich, hatte bereits das Stück in zwei gleiche Teile abstecken lassen und bat Bridledrum, sich. seine Hälfte zu wählen. Die andre werde ich von meinen Fellachen pflügen lassen, wie verabredet.

 

"Gewiß! gewiß!" sagte er mit unnatürlicher Heiterkeit. England gegen Ägypten, Ägypten gegen England! Ist es nicht eigentlich spaßig, was wir hier machen, Herr Eyth? Ich hoffe, der Prinz nimmt es nicht übel, wenn seine kleinen Nigger zermalmt werden. Denn wissen Sie, es ist doch eigentlich ein Unsinn: Ägypten gegen England!"

 

"Ich denke, wir sollten es nicht so auffassen," antwortete ich ebenso vergnügt. "Es handelt sich nicht um Rassen- und Völkerkämpfe, sondern um Maschinen, vortreffliche englische Maschinen in beiden Fällen. Eine Schnupftabaksdose gegen zwei. Ich weiß, Halim Pascha sieht es nur so an. Im übrigen bleiben Sie in seinen Augen unser Gast. Alles, was Sie brauchen, sollen Sie haben: und den besten Tabak für Ihr Döschen. Eigentlich will er Sie's gewinnen lassen. Ganz kann ich mich damit noch nicht befreunden. Aber ehrlich soll gespielt werden, wenn Ihnen der Boden nicht zu hart ist."

 

"Natürlich, natürlich!" lachte Bridledrum, sichtlich etwas geärgert, daß ich von seinem Tabaksdosensystem wußte. Dann hielt er einen kleinen Kriegsrat mit seinen Getreuen und wählte sein Feldstück. Die vier Arbeiter suchten mit den Absätzen ihrer wuchtigen Stiefel ein paar Schollen loszubrechen und schüttelten wortlos, aber einmütig, wie vier Automaten, die Köpfe. Ich verstand sie, auch ohne daß sie einen Laut von sich gaben. Backsteinklumpen wie diese sonngebrannte Nilerde im März hatten sie in England nicht zu zertrümmern.

 

Es war Montag; die Schlacht sollte am nächsten Samstag geschlagen werden. Schon am Dienstag abend kamen einige Teile des Howardschen Pflugs - ein paar Anker, drei Seilscheiben und ein Schwungrad - und wurden nach ägyptischer Art in einem falschen Felde abgeladen, dann mit dem Beistand Allahs wieder aufgepackt und in der falschen Hälfte des richtigen niedergelegt.

 

Am Mittwoch brachte mir O?Donald die neueste in Alexandrien erscheinende Nummer der "Egyptian Times", die an der Spitze ihrer etwas dünnen Leitartikel eine begeisterte Beschreibung der Howardschen Fabrik, ihrer überall siegreichen Dampfpflüge und des bevorstehenden Probepflügens in Schubra brachte. Daß hiermit nicht nur der beste, sondern auch der erste Dampfpflug in Ägypten erscheine, verwunderte mich einigermaßen, denn ich war damals noch nicht an die Genauigkeit technischer Mitteilungen in politischen Zeitschriften gewöhnt. Jackson, das Kamel von einem Redakteur, der mich schon oft besucht hatte, hätte sich wenigstens besser erkundigen können, meinte ich. Aber er hatte meinem Ungarwein stets größere Aufmerksamkeit geschenkt als meinen Pflügen, und ich - auch ich, war nicht ohne Schuld - seinem hübschen, klugen Töchterlein, das er beim letzten Besuche mitgebracht hatte und die den Orangengarten hinter meinem Hause sehr nach ihrem Geschmack fand. Miß Lucy sollte, wie gesagt wurde, die Seele der Redaktion der "Egyptian Times" sein. Das hatte ich, während sie, wie eine liebliche schwarzäugige Pomona, unter den Orangenbäumen meines Gartens wirtschaftete, leichtfertig vergessen.

 

Am gleichen Tage kam auch die Lokomobile und mit vielem Geschrei die wuchtige Seilwinde, weitere Anker und Ankerscheiben und eine Schar von dreirädrigen Seilträgern, auf denen die Fellahjungen von Schubra in dem der semitischen Rasse eignen prophetischen Geiste Veloziped fuhren, schließlich auch der Pflug und der Kultivator und ein Wagen voll Pflugscharen und Kultivatorspitzen. Die vier stummen Engländer holten sich schweigend vier Zuschlaghämmer aus meiner Schmiede, um große Holzkeile in den steinharten Boden zu treiben und ihre Maschinen festzustellen. Den ganzen Freitag hörte man die wuchtigen Schläge und manchmal einen kräftigen, halberstickten Fluch in der Richtung des Versuchsfeldes. Ein solcher Boden war in der Tat mehr, als der ruhigste Mann ertragen konnte. Schließlidi sägten sie die Pflöcke ab, die nicht tiefer einzuschlagen waren. Während nämlich die Erde des Deltas im November und Dezember, wenn der hohe Nil sie befeuchtet hat, krümelt wie Sand, wird sie gegen Januar trocken und hart und gleicht im März einer Steinkruste, die, wenn sie sich überhaupt dazu versteht, in Schollen aufbricht, hart wie Ziegelmasse und groß wie Felsblöcke. Auch Bridledrum fing an zu schimpfen. "Solches Zeug," erklärte er mir, "werde ein vernünftiger Mensch überhaupt nicht pflügen." - "Ich habe Sie von Anfang an für einen vernünftigen Menschen gehalten!" sagte ich höflich. Es war nicht zu verhehlen, er hatte mich doch schließlich geärgert. Unter Shepheards Veranda ging alles so viel besser!

 

Mit Ach und Krach hatten meine beiden Pflüge die ganze Woche an der Grenze des Gutes, fast bei Heliopolis, gearbeitet; einer wenigstens unablässig; der andere war gewöhnlich. zusammengebrochen. Wenn sie in dieser Weise brüderlich abwechselten, mußte ich mich wohl oder übel zufrieden geben. Am Freitag nachmittag machten sich die beiden Maschinen des für den Augenblick kampfestüchtigsten Apparates Nummer zwei auf den Weg nach dem Schlachtfeld. In meinem blutjungen Arabisch und mit Hilfe des an meiner Ferse klebenden Dragomans Abu-Sa, eines phlegmatischen, dicken Kopten, hatte ich meinen besten Maschinenwärter beiseite gerufen: einen jungen schlanken Fellah, dessen feine Züge und aufgeweckte, glänzende Augen zu großen Hoffnungen berechtigten. "Morgen, o Achmed," sprach ich feierlich, "mußt du und deine Brüder zeigen, was ihr gelernt habt. Ihr werdet im Wettkampf mit den Engländern pflügen, die einen neuen Dampfpflug gebracht haben, um euch. zu besiegen. Unser Pascha wird euch zusehen, vielleicht sogar der große Effendi aus Kairo, der Vizekönig. Ihr habt den besseren Dampfpflug und seid so gute Leute wie die Engländer. Ihr müßt siegen. Wenn aber Allah euch den Sieg verleiht, so erhält jeder fünfzig Piaster türkisch. Verstanden?"

 

Achmeds Augen funkelten. "Inschallah!" rief er inbrünstig und küßte meine Hand. Die Kunde verbreitete sich wie durch Zauberei nach der Lokomotive am anderen Ende des Feldes, die ungeheißen, in plumpem Eifer, über den halbfertigen Acker uns entgegengehumpelt kam. Eine halbe Stunde später hatten beide Maschinen ihre Drahtseile abgewickelt, den Pflug zum Transport angehängt und dampften auf dein breiten Damm neben dem Hauptbewässerungskanal des Gutes hinter mir her gegen Schubra.

 

Nun ist der Boden Ägyptens auch in der trockensten Jahreszeit, wenn er steinhart zu sein scheint, für Straßenlokomotiven ein gefährlich Ding, namentlich in der Nähe eines Bewässerungsgrabens. Ein Mausloch in der Böschung, eine Wurzel, die durstend dem Wasser zuwuchs, kann diesem den Weg in den Untergrund bahnen und ihn auf weite Strecken in seinen alten Nilschlamm verwandeln, wovon die hartgebackene Oberfläche nichts verrät. Wenn dann eine englische Straßenlokomotive mit ihrem Gewicht von dreihundert Zentnern ahnungslos über die Stelle fährt, so setzt sie sich großen Überraschungen aus. Einige Jahre später wußten wir dies alles sehr genau und waren besser auf der Hut als an jenem verhängnisvollen Abend.

 

Das plötzlich unregelmäßige Pusten der hinteren Maschine veranlaßte mich, nach rückwärts zu sehen. Ihr Schornstein, aus dem dichter schwarzer Rauch in angstvollen Stößen in den Abendhimmel hinaufwirbelte, stand etwas schief. Noch ein Ruck, und er neigte sich um zwanzig Grad gegen Süden. Ich sprang vom Esel, der sich nicht schnell genug drehen konnte, und der Unglücksstätte zu. Das rechte Hinterrad war trotz seiner Riesenbreite von dreiviertel Meter bis halb an die Achse eingesunken. Der Kessel stand auf dem Aschenkasten der Feuerbüchse statt auf seinen Rädern und schien am liebsten in dem zwei Schritte entfernten Kanal versinken zu wollen, aus dem uns das dicke gelbe Nilwasser gurgelnd entgegenkam.

 

Neu war die Sachlage nicht. Meine Leute hatten sie in der ersten Zeit ägyptischer Dampfkultur in den verschiedensten Varianten erlebt. Achmed galoppierte nach einer halben Minute auf meinem Esel nach Schubra, um Winden, einen Wagen Holz, Palmstämme, Faschinen, Bauholz - was er erwischen konnte - und ein Dutzend Fellachen herbeizuholen. Dies kostete qualvolle drei viertel Stunden, in denen nichts zu tun war, als den Wasserstand in dem immer tiefer sinkenden Kessel zu beobachten, den zischend abblasenden Dampf zu regeln und einen prachtvollen Sonnenuntergang zu genießen, aus dessen Glut die ferne Cheopspyramide wie aus einer stillen, kaum mehr irdischen Welt jenseits aller Not und Angst herüberstrahlte. Wie hatte Cheops es so gut - das heißt, wenn er noch in seinem Porphyrsarkophag läge, was bekanntlich nicht der Fall ist.

 

In sinkender Nacht ging es ans Schrauben, Heben, Unterbauen. Die zwölf Fellachen hingen, laut nach Allah rufend, an einem Palmstamm, der als Riesenhebel vortreffliche Dienste leistete, bis er krachend zusammenbrach und die ganze Gesellschaft heulend, aber wohlbehalten, am Boden lag. Ein zweiter Baum, der einem benachbarten Fellahhäuschen entrissen wurde, half weiter. Das Geschrei der Hausbewohner, die sich schon zur Ruhe begeben hatten und ihr Dach verschwinden sahen, förderte die Arbeit mehr, als es sie störte. Der Mond stand zum Glück strahlend am Himmel, Hunde und Grillen hatten ihr Abendlied angestimmt, die ganze Natur um uns her atmete den etwas lärmenden Frieden einer orientalischen Nacht. Nur um meine Maschine knarrte, krachte, stöhnte und schrie es weiter. Aber der tiefgeneigte Schornstein richtete sich mehr und mehr auf; ein kurzer Knüppeldamm war über die gefährlichste Stelle gelegt. Weitere fünf Minuten waren erforderlich, um den gesunkenen Dampf wieder in Ordnung zu bringen. Dann schickte Achmed einen gellenden Pfiff in die Nacht hinaus, und dröhnend und krachend, den Holzbau zermalmend, den Knüppeldamm nach allen Seiten schleudernd und wie ein Schiff im Sturm hin und her schwankend, wälzte sich das schwarze Ungetüm auf die trockene, feste Seite des Weges hinüber. Auch dort schwankte der Boden wie im wildesten Erdbeben. Vorwärts! vorwärts! - Krach!! - Die Vorderräder flogen, als wären sie toll geworden, plötzlich nach links herum dem Kanal zu. Doch die Maschine stand still. Sie war auf festern Boden; nur die Steuerkette, welche die Vorderräder beherrscht, war gebrochen. Ein Stück der herumfliegenden Balken hatte sich in derselben verfangen. Der Mann am Steuerrad war dabei von der Maschine heruntergeschleudert worden, und nur Achmeds, meines braven Maschinenführers, rasches Abstellen des Dampfes hatte verhindert, daß wir mit vollem Dampf in den Kanal hineingefahren wären.

 

"Malisch! Macht nichts!" rief ich, um den Mut der Leute zu stärken. Es ist das Wort der Worte jedes Ägypters und hilft in rätselhafter Weise über den Jammer selbst seines Daseins hinweg. Wir waren wenigstens aus dem Sumpf heraus. Auf unser morgiges Schlachtfeld mußte die Maschine heute noch gebracht werden, koste es, was es wolle. Ich ritt nun selbst nach Schubra, meine Truppe von Fellachen keuchend hinter mir her. Was wir an Ketten finden und an Laternen auftreiben konnten, war in einer Viertelstunde auf dem Weg nach dem Kanal. Dann ging es an ein Probieren, Flicken, Verschlingen, Zusammenschrauben der Ketten im Schlamm unter dem Bauch der unwirsch dastehenden Maschine, die uns gelegentlich mit einem Guß siedender Wassertropfen ermunterte, daß es eine Freude war. Die Leute arbeiteten unverdrossen, sobald und solange ich mich selbst mit ihnen im Schlamm wälzte, und nach einer weiteren Stunde konnten wir langsam und bedächtig weiterfahren. Die geflickte Steuerkette wollte mit Vorsicht behandelt sein; aber sie hielt stand, bis wir in das mondbeglänzte Feld einbogen, an dessen fernem Ende Howards Apparat, sauber und korrekt aufgestellt, unser dröhnendes, staub- und schlammbedecktes Fuhrwerk mit aristokratischer Ruhe erwartete.

 

Dann ritt ich heim, müde und hungrig und zufrieden. Soweit wir heute kommen konnten, waren wir gekommen. Geschlagen waren die zwei Schnupftabaksdosen noch nicht.

 

Der Kampf

 

Der prachtvolle ägyptische Morgen brach an wie alltäglich und fand alles in Bewegung, nachdem ich die Leute, die zunächst nötig waren, mit freundlichen Worten und dem Stock meines Sais ein wenig ermuntert hatte, in jener fünftausendjährigen Sprache des alten Nillandes, in der ich mich schon ziemlich deutlich ausdrücken konnte und die, wenn sie richtig und ohne boshaften Ernst gesprochen wird, dem Fellah nicht nur die verständlichste, sondern, man könnte fast glauben, auch die liebste ist.

 

Die gebrochene Kette wurde durch eine neue ersetzt, die mit Schlamm überzogenen Räder gewaschen, die beiden Maschinen an den Feldenden aufgestellt, die Seile aus-bezogen und am Pflug befestigt, und dieser, ein gewöhnlicher Vierfurchenpflug, zum Beginn der Arbeit bereitgestellt. So sah das Ganze, mit Howard an einem und Fowler am anderen Ende der fünfzig Hektar, in der Ferne fast aus, als ob wir in England stünden. Wären wir tatsächlich dort gewesen, mit englischen Arbeitern auf den Maschinen, so hätte ich mit ruhiger Zuversicht den nächsten Stunden entgegengesehen. So aber frühstückte ich doch mit einigem Herzklopfen. Meine braven Fellachin waren wohl voller Eifer und hatten sich sogar feiertäglich herausgeputzt. Aber wer konnte wissen, was uns bevorstand? Mit Allah läßt sich nicht spaßen. Er gibt den Sieg, wem er will, sagt sein Prophet, und seine Gläubigen beugen sich, ohne zu murren. So weit sind wir Christen noch lange nicht.

 

Um acht Uhr kam Bridledrum mit seinen Leuten von Kairo, und auch die Howardsche Maschine begann zu rauchen. Ich zeigte ihnen alles, was für sie vorbereitet war: ihre abgewogenen Kohlen, die wir zusammen nachwogen, die Einrichtung für ihre Wasserzufuhr, die Kanne Schmieröl, die ihnen zur Verfügung stand. All das wurde von der Gesellschaft mit stummen Zeichen des Einverständnisses, jedoch etwas mißtrauisch, entgegengenommen. Dann stattete ihr erster Dampfpflüger, ein wackerer Bedfordshiremann, meinen Maschinen einen Besuch ab, und zum erstenmal erschien auf seinem breiten, ehrlichen Gesicht ein Lebenszeichen: schmunzelnde Zufriedenheit. Die Maschinen sahen allerdings nicht aus, als ob sie für ein Siegesfest aufgeputzt wären. Und die Nigger! Der Mann, der schon auf Barbados in den Antillen gepflügt hatte, teilte seit jener Zeit die Menschheit in zwei Klassen: Engländer und Nigger. Ein Fowlerscher Pflug, und bloß Nigger, die ihn bedienten! Das konnte nicht ernst gemeint sein.

 

Von neun Uhr an kamen Esel, Pferde und selbst Wagen aus Kairo, verirrten sich in allen Enden und Ecken des Guts - die meisten schienen zu glauben, die Prüfung finde in meinem Hause statt - und sammelten sich schließlich im Versuchsfelde: Bridledrums Freunde aus dem Hotel Shepheard, die Witwe mit ihrem Söhnchen voran, O?Donald, voller Eifer, mich gegen Bridledrum und Bridledrum gegen mich aufzuhetzen. Doktor Beinhaus, ernst und kampfesgrimmig wie immer, Heuglin mit der Ruhe eines schwäbischen Philosophen, den die Sonne Afrikas gedörrt hat. Der Vizekönig kam nicht; an seiner Stelle dagegen in prächtigem Wagen hinter zwei wunderbaren arabischen Hengsten und in voller ägyptischer Amtstracht sein Finanzminister Sadyk, damals noch Bey, und zwei Adjutanten. Dann folgten kleine Paschas und große Grundbesitzer -Nubar, Sheriff und andre, die hilflos auf dem Felde herumstanden und sich gegenseitig die wunderbaren Dinge zu erklären suchten, die sie nicht verstanden. Um halb zehn erschien Halim in dem eleganten Korbwagen, den er benutzte, wenn er den Landwirt spielte, mit seinem ständigen Adjutanten Rames Bey an der Seite, dem baumlangen Tscherkessen in goldstrotzender Mameluckentracht, dessen Hauptaufgabe es zu sein schien, seinem kleinen, nervös lebhaften Herrn alle drei Minuten eine neue Zigarette zu reichen, die dieser nach zwei Zügen wegwarf. Der Pascha begrüßte zunächst seine vornehmsten Gäste, die sich tief vor ihm verneigten, dann schüttelte er Bridledrum die Hand und ließ sich den Howardschen Apparat von ihm erklären, alles mit scharfen Blicken prüfend, aber ohne ein Wort zwischen die nicht ganz gewöhnlichen französischen Phrasen des Engländers zu werfen. Darauf rief er mich heran und meinte, daß für alle Anwesenden eine möglichst kurze Prüfung genügen würde. jeder Apparat möge, um halb elf beginnend, eine volle Stunde arbeiten und so viel und so gut pflügen, als es ihm möglich sei. In einer Stunde könne sich dann jedermann selbst seine Meinung bilden.

 

Ich hätte lieber wenigstens einen halben Tag lang gepflügt; dabei hätte sich deutlicher zeigen können, was jedes der zwei Systeme wert ist. Doch blieb uns beiden, Bridledrum und mir, vorläufig nun nichts weiter übrig, als in zehn Minuten draufloszuarbeiten, so gut wir konnten. Wir gingen jeder zu seinen Maschinen. Halim, einen riesigen Chronometer in der Hand, blieb mit der Mehrzahl unsrer Gäste um Howards Apparat. Ich konnte ungestört nachsehen, ob alle Maschinenlager genügend geschmiert waren. Auch die Leute schienen es zu sein. "Fünfzig Piaster Mann für Mann, wenn uns Allah den Sieg verleiht!" war die Losung, die von Mund zu Mund ging, und Achmed schraubte, ohne daß ich es bemerkte, die Federbelastung der Sicherheitsventile fester, um wenigstens die Dampfspannung etwas höher halten zu können, als erlaubt war. Wenn Allah bestimmt hatte, daß wir in die Luft fliegen sollten, waren ja doch alle Sicherheitsventile nutzlos. Die Engländer hatten, wie ich nachher entdeckte, in aller Ruhe das gleiche getan.

 

Ein dreifacher Pfiff verkündete, daß es halb elf war. Emsig keuchend stießen die Maschinen ihre weißen Dampfwolken in den tiefblauen Himmel und begannen die mächtigen Pflüge in den Boden zu ziehen. Es knirschte und krachte, daß es eine Freude war. Für mich war dies alles natürlich ein alltägliches Vergnügen. Der Acker mit seinen fürchterlichen Kämmen und Wasserfurchen in dem steinharten Boden, die der Baumwollbau mit sich bringt, war eines der Durchschnittsfelder, wie ich sie jeden Tag aufzubrechen hatte. Wie ein Schiff im Sturm schwankend glitt der Pflug vorwärts; etwas zu schnell, so daß man ihm nur halb im Trabe folgen konnte. Die fünfzig Piaster wirkten, und mächtige Schollen, kleinen Felsblöcken gleichend, wurden wild auf die Seite geschleudert. Ich ließ den Pflug die dreihundert Meter lange Strecke zwischen den beiden Maschinen ein paarmal hin und her laufen und ermahnte die Maschinenwärter, nichts zu überstürzen. Es war nicht nötig, überschnell zu arbeiten. Dann konnte ich Howards Apparat einen Besuch abstatten.

 

Schon bei seiner ersten Bewegung von einem Acker zum andern war der Pflug zweimal stillgestanden. Das eine Mal hatte der Anker in dem steinharten Boden nicht gefaßt und sich dem Pfluge entgegen in verzweifelten Sprüngen auf die Wanderschaft gemacht. Beim zweiten Stillstand hatten die Engländer mit der Ruhe, die sie nie verläßt, einen der vier Pflugkörper des Gerätes abgeschraubt und auf diese Weise den Vierfurchen- in einen Dreifurchenpflug verwandelt. So ging es besser, wenn auch noch immer langsam und in gewaltigen, stoßartigen Zuckungen. Die Maschine war sichtlich zu schwach für einen derartigen Boden.

 

"Nun, Herr Bridledrum," fragte ich meinen Freund und Gegner, "wie gefällt Ihnen Ägypten? Sie bemerken wohl, es ist nicht alles Sand hier?"

 

"Heißen Sie das Erde? Verfluchte Backsteine!" antwortete er grimmig. Er war offenbar an der Grenze seiner Spannkraft angelangt. Ich wußte es aus Erfahrung: Es ist keine Kleinigkeit, lächelnd die Vorteile eines Systems zu preisen, während man jeden Augenblick erwartet, ein Seil reißen oder einen Anker in die Luft fliegen zu sehen. Halim war zu den Fowlerschen Maschinen hinübergegangen. Bridledrum konnte Atem holen und sich mir gegenüber etwas gehen lassen.

 

"Ich glaube, Sie haben das härteste Feld im ganzen Nilland für uns ausgewählt," fuhr er mit einem Lächeln fort, unter dem es kochte. "Macht nichts, Herr Eyth, macht nichts! So haben wir es am liebsten. Wir werden Ihnen schon zeigen, was pflügen heißt. - Der verteufelte Anker!!"

 

Am fernen Ende war der Eckanker wieder ausgerissen. Bridledrum trippelte ungeduldig in der keineswegs musterhaften Furche herum. Der Gang des Pflugs war zu unstet, um eine regelmäßige Tiefe einhalten zu können. Doch war ich zu höflich, darauf hinzuweisen; es war klar, ich konnte unbeschadet des Endergebnisses alle Rücksicht auf die Gefühle meines Gegners nehmen. Wir sahen, während der widerspenstige Anker zurückgeschleppt und wieder in den Boden eingelassen wurde, nach Fowlers Pflug hinüber, der ruhig, aber mit gefährlicher Geschwindigkeit durch das Feld segelte. Aus der Ferne sah sich dies vortrefflich an, namentlich für die ahnungslosen Zuschauer, welche nichts von den zitternden Schrauben und Zapfen wußten, die, wenn die höllischen Mächte es wollten, jeden Augenblick eine Katastrophe herbeiführen konnten. Der Pflug jagte jetzt förmlich, in eine haushohe Staubwolke eingehüllt. Ich nickte Bridledrum ermunternd zu und beeilte mich, nach meinen Maschinen zu kommen.

 

"Langsam, ya salaam, langsam!" rief ich Achmed schon aus weiter Ferne zu. Es half nichts. Er konnte mich in dem Lärm nicht hören. Seine Maschine brauste und klapperte weiter, schwankend und bebend. Beide Sicherheitsventile sandten senkrechte Dampfstrahlen gen Himmel. Die Heizer schaufelten die Kohlen in die Feuerbüchse, als wären sie besessen.

 

"Langsam, langsam!" schrie ich; "wo ist mein Dragoman?"

 

Keuchend kam Abu-Sa auf seinem Esel übers Feld. Er hatte auch bei Howard hospitiert und erhielt eine Ohrfeige. Da er ein Christ und ein Schriftgelehrter war, kam dies selten vor und verstimmte ihn ein wenig. Doch blieb er jetzt an meiner Ferse hängen wie mein Schatten und schimpfte in meinem Namen mit löblicher Energie. Aber all unsre Bemühungen schienen keinen merklichen Einfluß auf das stürmische Tempo des Pflügens zu gewinnen. Stand ich auf dem Tender hinter Machmud, dem Führer der ersten Maschine, so jagte die zweite am entfernten Feldende, als wäre sie toll geworden. Eilte ich dorthin und riß Achmed den Steuerhebel aus der Hand, so schien Machmud entschlossen, die verlorenen Sekunden wieder einzubringen, auch wenn alles in die Luft fliegen sollte. Erst nach zehn Minuten dieser nicht zu bändigenden Raserei wurde mir die Ursache von Abu-Sa erklärt. Während meines Besuches bei Bridledrum war Halim Pascha auf den Fowlerschen Maschinen gewesen. Das Feuer des Wettkampfes hatte ihn gepackt. Er hatte beiden, Achmed und Machmud, einen Theresientaler in die Hand gedrückt und mit seinem verstohlenen Lächeln zu den Leuten gesagt: "Oh, ihr Gläubigen! Wenn ihr heute diese Engländer da drüben besiegt, so erhaltet ihr ein Backschisch! - ein Backschisch!! ein englisches Pfund, jeder, der mitgearbeitet hat!"

 

"Inschallah!" hatten sie alle inbrünstig gerufen und waren bereit, mit den Maschinen in die Luft zu fliegen. Tut nicht Allah, was er will, auch mit den Dampfmaschinen?

 

Ganz wie ein Mensch muß sich auch ein Pflug an seine Arbeit etwas gewöhnen, ehe er zeigen kann, was in ihm ist. Howards Gerät lief jetzt besser und stetig, wenn auch nur halb so schnell als das unsre. Ein stattlicher schwarzbrauner Streifen frischgepflügten Landes lag schon hinter uns, schätzungsweise zweimal so breit als der am andern Feldende, und anzusehen, als ob ein Afrit die Erdklumpen umhergeschleudert hätte. Hübsch gepflügt konnte man es nicht nennen. Aber wer weiß in Ägypten, oder wer will wissen, was hübsch gepflügt ist? Staunend und den Propheten anrufend liefen die aufgeregten Türken des Vizekönigs den letzten Furchen entlang und sprangen, ihre Pluderhosen zusammenraffend, entsetzt zur Seite, wenn der Pflug in seiner Staubwolke knirschend und prasselnd an ihnen vorüberglitt. Beinhaus und Heuglin gingen ernst und schweigend auf und ab. O?Donald gestikulierte heftig mit Bridledrum, der sich vergebens bemühte, seinen Leuten ein anderes Tempo beizubringen. Beide wußten nicht, daß die Wackeren stumm und ingrimmig taten, was irgend möglich war.

 

Zweiundvierzig Minuten unsrer Stunde waren abgelaufen. Ich stand auf Machmuds Maschine, als ein kleiner Fellahjunge, von Achmed kommend, atemlos über das Feld gelaufen kam und zu mir heraufkletterte. "O Baschmahandi!" schrie er mir in die Ohren, "komme eiligst, Achmeds Vapor ist erkrankt."

 

Vapor ist neuarabisch für alles, was vom Dampf getrieben wird. -"Der Kuckuck! Dacht' ich mir?s doch!" rief ich wütend, sprang von der Maschine und rannte über das Feld. Abu-Sa hinter mir her, die beiden Esel nachschleppend. Doch es rauschte und brauste noch alles in scheinbar bester Ordnung. Nur noch fünfzehn - nur noch zwölf Minuten!

 

Achmed stand neben seiner Maschine, die im Augenblick nichts zu tun hatte, da die andre den Pflug zog. Er war mit der Speisepumpe beschäftigt, immer ein schwacher Punkt des Ganzen, und schraubte an dem Ventilkasten herum, der zwischen dem Kessel und der Pumpe sitzt. Die Dichtung der Flansche desselben hatte nachgegeben, und ein dünner Wasserstrahl schoß aus der haarfeinen Öffnung heraus, die sich durch kein Festschrauben schließen lassen wollte. Das Schlagen des Ventils war nicht mehr hörbar: die Pumpe versagte. Konnte dies nicht wieder in Ordnung gebracht werden, so mußten wir in einigen Minuten aufhören, wenn wir aus Wassermangel den Kessel nicht fünf Minuten später in die Luft sprengen wollten. Ich drückte mit einem Schraubenschlüssel einen Putzlappen auf die entstandene Spalte, so daß der Wasserstrahl, der immer größer und heftiger hervorschoß, zurückgehalten wurde, und sofort hörte man das tröstliche Schlagen des Ventils, welches bewies, daß das Speisewasser wieder seinen richtigen Weg in den Kessel fand. Nur dauerte es nicht lange. Der Wasserstrahl fand seinen Weg an dem Schlüssel vorbei, unter dem Schlüssel durch; das Ventil hörte wieder auf zu schlagen. Doch Achmeds Augen funkelten. Er hatte einen Gedanken; nur war keine Zeit, darüber zu sprechen. Mit einem Riß hatte er beide Ärmel seiner zerlumpten Bluse abgerissen, ließ sich von seinem Heizer Werg und Putzlappen, die reichlich vorhanden waren, um beide Hände und Arme wickeln und mit den Fetzen seiner Bluse umbinden. Dann drückte er, eine Hand auf die andre gestützt, mit aller Kraft gegen die haarfeine Spalte unter der heißen Ventilflansche. So war der Wasserstrahl fast gänzlich gehemmt. Die Pumpe arbeitete mit lautem Schlagen. Der Pflug war am andern Ende angekommen. "Bravo, Achmed!" rief ich, "vorwärts da droben!" Der Heizer verstand die Handgriffe so weit, um die Maschine in Bewegung zu setzen, die jetzt rasselnd und klappernd den Pflug heranzog. Die augenblickliche Gefahr war vorüber. Man konnte weiterpflügen.

 

Achmed hielt fest. Die Pumpe arbeitete. Aber das Wasser fing an, ihm zwischen den Fingern durchzulaufen. Man sah in seinem Gesicht, daß es siedend war. Die Lumpen um seine Arme dampften. Zum Glück kam soeben ein Wasserwagen angefahren. Ich ließ einen Blecheimer füllen und schüttete selbst dem Helden des Augenblicks einen Strom kalten Wassers über Hände und Arme. "Gut! Gut!" sagte er und hielt fest. Dieses Verfahren war rasch organisiert, Zwei Eimer waren zur Stelle; der eine wurde gefüllt, während ein Fellah mit dem andern fortwährend Achmeds Hände und Arme beschüttete. Zwei-, dreimal rief er aus dem Dampf heraus, in dem er fast verschwand, nach seinem Propheten: "ya nabbi! ya salaam!" Aber er hielt aus. Ich wagte nicht, ihn zu ermuntern. Die Pumpe arbeitete; das Wasser im Kessel, das gefährlich nieder gestanden hatte, war schon um zwei Zentimeter gestiegen. Es war ein wirkliches und wahrhaftiges Heldenstück, von der Mucius-Scävola-Gattung. Schweißbedeckt, selbst naß bis auf die Haut und halb betäubt, sah ich endlich wieder nach Howards Maschine hinüber. Und mit einem Mal - hallo, was war das? -

 

Ein kleiner dumpfer Knall, bis herüber hörbar, ein lautes, wütendes Zischen, eine ins Riesige wachsende Dampfwolke, welche die ganze Howardsche Maschine einhüllte, aus der ein halbes Dutzend Türken, sich überpurzelnd, herausstürzten! Ihr Pflug aber stand mitten im Feld plötzlich stockstill.

 

"Festhalten, Achmed! Nur noch drei Minuten festhalten!" rief ich, sprang auf meinen Esel und galoppierte der neuen Unglücksstätte zu. Was geschehen war, wußte ich im ersten Augenblick; es bedeutete nichts Gefährliches, aber doch das Ende der heutigen Prüfung. Ich kannte den Knall. In jeder anständigen Feuerbüchse befindet sich ein sogenannter Sicherheitspfropfen aus Blei, der ausschmilzt, wenn das Wasser im Kessel zu nieder steht. Durch das hierdurch entstehende Loch strömt der Dampf in den offenen Feuerraum, löscht das Feuer aus und verhindert so eine wirkliche Explosion, die durch das überhitzen der Kesselbleche bei niederem Wasserstand stattfinden würde. Aus irgendwelchen Ursachen - vielleicht war auch bei Freund Bridledrum die Speisepumpe des heftigen Arbeitens müde geworden - war das Wasser zu tief gesunken, so daß der Kessel seine eigne Rettungsvorrichtung in Tätigkeit gesetzt hatte. Es muß in einem solchen Fall ein neuer Bleipfropf eingeschraubt, der Kessel frisch mit Wasser gefüllt und aufs neue Feuer und Dampf gemacht werden, ehe man weiterarbeiten kann. Das heißt: der kleine Unfall kostet einen Stillstand von drei bis vier Stunden.

 

Als ich bei der verunglückten Maschine ankam, stand der englische Maschinenwärter vor seiner noch immer wild zischenden Dampfwolke, die Wasser und Feuer spie, stumm, grimmig, einen Strohhalm kauend. Im Felde hatten sie schon das Seil vom Pfluge losgehakt. Bridledrum explizierte Halim Pascha mit feuriger Beredsamkeit die unbezahlbaren Vorzüge eines Bleipfropfs in der Feuerbüchse. Die arabischen und türkischen Würdenträger hatten sich mit etwas unziemlicher Hast in ihre Wagen geflüchtet und waren bereits in der Schubraallee und auf dem Wege nach Kairo. Fowlers Pflug lief noch immer über das Feld, als ob dort alles in schönster Ordnung wäre.

 

"Ich denke, wir können aufhören, Herr Eyth," sagte der Prinz zu mir, um sich dem Redestrom Bridledrums zu entziehen. Er sah auf seinen Riesenchronometer, den er bisher gewissenhaft in der Hand gehalten hatte, und gab ihn Rames Bey, der das kostbare Kunstwerk ohne Umstände in den bodenlosen Taschen seiner grünen Hosen versinken ließ.

 

"Siebenundfünfzig Minuten!" fuhr Halim fort, in dem er die Zahl mit einer goldenen Bleifeder in ein vergoldetes Miniaturtaschenbuch eintrug. Er hatte nicht umsonst in der Ecole Centrale zu Paris zwei Jahre lang Technologie studiert. "Sieben - und - fünfzig - Minuten! Null - Komma - fünf - sieben Stunden! Das heißt, das ist wohl nicht ganz korrekt. Wie, Herr Eyth? - Messen Sie jetzt die gepflügten Flächen und legen Sie mir morgen das Ergebnis vor. Herr Bridledrum wird Ihnen Gesellschaft leisten. Sehr hübsch, Herr Bridledrum, sehr hübsch! Die Sache hat mir wirkliches Vergnügen gemacht. Ihr Apparat hat einige Vorzüge, namentlich für englischen Boden, der ohne Zweifel leichter aufzubrechen ist als unser alter Nilschlamm. Adieu, meine Herren!" Er sprang in seinen Korbwagen, Rames Bey ihm nach, die Zigaretten hervorholend, und fort waren die Herrschaften. Auch Abu-Sa, der Dragoman, hatte, auf meinem vielgeprüften Esel querfeldein reitend, die Fowlerschen Maschinen erreicht und schon unterwegs mit Händen und Füßen und lauter Stimme "Stop! Stop!" telegraphiert. Der Pflug war am Ende seiner letzten Furche angelangt und hielt stille. Die Prüfung war zu Ende.

 

Als auch ich Achmeds Maschine erreichte, um nach dem Burschen zu sehen, lag er mit geschlossenen Augen auf einem Kohlenhaufen und rührte sich nicht. Er schien ohnmächtig geworden zu sein. Mein erster Pflüger Ibrahim, sein noch jugendlicher Schwiegervater, kniete vor ihm und sagte von Zeit zu Zeit: "Malisch! malisch!" zu dem Dutzend Fellachen, die die Gruppe umstanden. Ich wollte nach Öl und Verbandzeug schicken. Ibrahim schüttelte den Kopf und beschäftigte sich eifrig damit, in einem Wassereimer aus einer aufgeweichten Erdscholle einen zähen Lehmbrei zu kneten, den er zolldick um die verbrühten Hände und Arme des Daliegenden klebte. "Gut! sehr gut!" rief das Fellahpublikum, sichtlich bestrebt, mich über die hervorragenden chirurgischen Erfahrungen Ibrahims aufzuklären. Achmed öffnete die Augen, richtete sich auf und sah nicht ohne Befriedigung die zwei Klumpen Erde, die ihm statt der Arme am Leibe hingen. Dann stand er auf, sagte ebenfalls "Malisch" und ging nach der Maschine, um sich von seinem Heizer aus dem notdürftig gereinigten Eimer einen gewaltigen Trunk Wasser reichen zu lassen. Als sein Kopf wieder aus dem Eimer herauskam, sah er erfrischt und vergnügt aus und sagte: "Wo ist das Backschisch, o Baschmahandi?" Ich hatte ein neues englisches Pfund schon seit einer Viertelstunde nervös zwischen den Fingern hin und her gedreht und steckte es jetzt in den Lehm, der seine Hand umgab. "Gut! sehr gut!" rief das entzückte Publikum. "Mir auch - mir auch! Wo ist unser Backschisch?"

 

"Morgen bekommt ihr euer Teil, wenn ihr es verdient und euch Allah den Sieg verliehen hat," ließ ich durch Abu-Sa verkündigen.

 

"Morgen - Inschallah - morgen!" riefen sie alle wie ein Theaterchor. "Er ist gut, unser Baschmahandi, er wird uns ein großes Backschisch geben." Und dann begann eifriges Beraten, was mit dem großen Backschisch zu machen sei, und lustiges Geplauder, wie das von Kindern um die Weihnachtszeit, während im nächsten trockenen Graben die Vorbereitungen für das äußerst einfache Mittagsmahl der Gesellschaft getroffen wurden.

 

Bridledrum, O?Donald, meine zwei deutschen Freunde und ich maßen nun mit vereinten Kräften die gepflügten Flächen, Bridledrum in gereizter Stimmung, aus der er sich gelegentlich aufraffte, um O?Donald die Ursachen auseinanderzusetzen, die heute seinen Apparat verhindert hatten, das zu leisten, was er unzweifelhaft sonst überall leistete. Bei der Multiplikation der Länge und Breite der Feldstücke machte er zweimal den Versuch eines ausgleichenden Rechnungsfehlers, aber in diesem Punkte war das rechnerische Gewissen O?Donalds unerbittlich, während Beinhaus dem Agenten über die zuckenden Schnurrbartspitzen einen seiner blutdürstigen Blicke zuwarf, der ihn völlig aus der Fassung brachte. Über die Pflugtiefe wurde wie gewöhnlich heftig gestritten; schließlich schien doch das Ergebnis festzustehen: Fowlers Apparat hatte in der Stunde 8350 Quadratmeter 30 Zentimeter tief, Howards 3800 Quadratmeter 22 Zentimeter tief gepflügt.

 

"Theorie!" rief Bridledrum verächtlich, als beim dritten Versuch das Multiplizieren keine besseren Früchte tragen wollte, klappte sein Notizbuch zu und rief nach seinem Wagen. Meine Einladung zum Frühstück lehnte er mit finsterer Höflichkeit ab. Die drei andern waren klüger. In einer halben Stunde lagen wir in meinen dunkeln kühlen Zimmern auf den Diwans herum, mischten eiskaltes Nilwasser mit Ungarwein und ließen Deutschland, England und Ägypten, Halim Pascha, Fowler und Howard und selbst Bridledrum hochleben.

 

Ein harter Morgen war vorüber.

 

Nachspiel

 

Drei Tage später hatte der jüngste meiner Heizer auf Grund seines Backschisch geheiratet. Achmed lief bereits wieder ohne Lehmüberzug umher und zeigte mir täglich die Fortschritte, die seine neue Haut machte. Er war nicht so vergnügt, als man hätte erwarten sollen, nachdem ihm Halim Pascha, dem ich sein heißes Heldenstückchen in warmen Worten geschildert hatte, ein aufmunterndes Lächeln und die unerhörte Summe von fünf Pfund zugeworfen hatte. Der Grund seines Leids mitten im Glück war Liebeskummer. Auch er wollte heiraten, oder, um genauer zu sein, er wollte, da er bereits verheiratet war, seinen kleinen Harim verdoppeln, wozu er in seiner Lage als hochangesehener Dampfpflugmaschinenwärter und Kapitalist mit einem Vermögen von über siebenhundert türkischen Piastern vollauf berechtigt war. Aber er konnte mit seinem zweiten künftigen Schwiegervater nicht handelseinig werden. Denn obgleich dessen Stellung als allgemeiner, wenig brauchbarer Handlanger und als Belastungsgewicht auf dem Balancepflug eine nur untergeordnete war, machte er doch als Familienvater und Besitzer einer niedlichen Tochter unerschwingliche Ansprüche. Er verlangte von Achmed für die Ehre, sein Schwiegersohn zu werden, nicht nur fünfhundert Piaster in barem Geld, sondern auch einen großen wertvollen Esel, welchen beide kannten und den sein derzeitiger Besitzer im benachbarten Dorfe Damanur nicht unter sechshundert Piaster ziehen lassen wollte. Dies überstieg Achmeds Kräfte, und so ging er trotz seiner vielbeneideten Lage mit düsterer Miene umher und beklagte sich plötzlich unnötig viel über seine verbrannten Hände, obgleich sie bereits wieder dienstfähig waren. Dies bezeugte sein künftiger Schwiegervater seinerseits laut klagend, denn Achmed habe ihm beim Pflugwenden von der Maschine herunter absichtlich ein großes Stück Kohle an den Kopf geworfen. So ist es auch unter Fellachin manchmal schwerer, sein Glück als das Unglück zu tragen.

 

Ich war eben im Begriff, mit Hilfe des Dragomans Abu-Sa die Geschichte des erwähnten Kohlenklumpens mit den heftig erregten Nächstbeteiligten des näheren zu erörtern, oder richtiger gesagt, mehr und mehr zu verwickeln, als Freund Beinhaus über das Feld geritten kam und mir schon aus der Ferne ein großes Stück Papier entgegenschwenkte. "Haben Sie das schon genossen?" fragte er mit der Miene tiefen Ernstes, als ob es gälte, sein Jahrhundert in die Schranken zu fordern. Sein mächtiger Schnurrbart war länger und stand wütender gen Himmel als je. "Sie können pflügen, bis Sie schwarz werden," fuhr er fort. "Ernten werden andere. Das ist nun einmal unsre deutsche Art. Lesen Sie!"

 

Er warf mir eine Zeitung zu: die neueste Nummer des englischen Klatschblättchens, das seit einigen Monaten in Alexandrien erschien, der "Egyptian Times".

 

"Hier ist es zu hell und zu heiß; gehen wir heim," sagte ich und überließ den schwarzbraunen Familienzwist nicht ungern seiner eignen weiteren Entwicklung. Auf dem Heimweg war Beinhaus kaum zu bewegen, den Mund zu öffnen. "Lesen Sie!" war alles, was er mir zuwarf. Er blieb stumm wie ein Vulkan vor dem Ausbruch.

 

Ein Wagen stand vor meinem Haus; auch hier waren Besuche angekommen, von denen Beinhaus nichts wußte. Als wir in das Dunkel meines Empfangszimmers traten, fanden wir O'Donald auf dem Diwan sitzend, eine Flasche meines Ungarweins vor sich - die meisten meiner Freunde wußten, wo die Flaschen standen - und weit ausgebreitet auf dem Tisch ein zweites Exemplar der "Egyptian Times".

 

"Haben Sie das schon gesehen?" rief er überströmend vor Vergnügen mir entgegen. "Kapitaler Stil; vielleicht etwas gefärbt, aber nicht ungeschickt! Lesen Sie! Ich bin expreß heruntergefahren, um Ihnen eine Freude zu machen."

 

"Nur hübsch langsam!" ermahnte ich und sorgte dafür, daß Beinhaus und ich auch noch etwas von O?Donalds Flasche bekamen. Dann las ich:

 

"Der berühmte Howardsche Dampfpflug hatte gestern auf den Gütern Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Halim Pascha seine vortrefflichen Leistungen einem gewählten Publikum vorzuführen. Der Prinz leitete die außerordentlich interessanten Versuche selbst, indem er dem Vertreter der Howardschen Fabrik seine Wünsche persönlich mitteilte, die dieser selbstverständlich in jeder Hinsicht zu erfüllen wußte. Gleichzeitig wurde auch ein Fowlerscher Apparat gezeigt, was das Interesse der Prüfung erhöhte, indem hierdurch die Vorteile des Howardschen Pfluges noch deutlicher hervortraten. Nachdem auf Befehl Seiner Königlichen Hoheit die Arbeiten für beendet erklärt worden waren, ergab sich, daß der Howardsche Pflug in ungefähr einer Stunde 8350, der Fowlersche 3800 Quadratmeter Land, respektive 30 und 22 Zentimeter tief aufgebrochen hatte. Es erscheint sicher, nach dem Eindruck, den alle Anwesenden mit nach Hause nahmen, daß durch die geplante Einführung der Howardschen Dampfpflüge und mit Heranziehung der hohen Intelligenz des Vertreters jener weltberühmten Fabrik eine neue Ara für die vieltausendjährige Landwirtschaft Ägyptens anbrechen wird. Namentlich dürfte Seine Königliche Hoheit der Vizekönig keinen Augenblick länger zögern, sich dieser erstaunlichen Erfindung der neuesten Zeit zu bemächtigen, um den Fortschritt und die Zivilisation des Landes der Pharaonen einem niegeahnten Aufschwung triumphierend entgegenzuführen."

 

Nun kochte es auch in mir. Das gehörte denn doch zum stärksten türkischen Tabak, den ich bis jetzt im Orient zu rauchen gezwungen wurde. Doch wollte ich nicht gleich zu dampfen anfangen.

 

"Schade, daß die Zahlen verdruckt sind!" sagte ich, nachdenklich das Blatt zerreißend. "Sie sind übrigens richtig, nur versetzt. Das übrige kann jedes Kamel von sich geben."

 

"Auch verdauen?" fragte Beinhaus.

 

"So genau kenne ich Kamele noch nicht," erwiderte ich, wurde aber immer nachdenklicher. O?Donald, der jedes Erlebnis, das die Einförmigkeit seines Kontorlebens zu unterbrechen versprach, mit Jubel begrüßte, selbst auf die Gefahr hin, ein Bein oder das Bein eines guten Freundes zu brechen, beobachtete mich mit aufmunterndem Lachen, Beinhaus finster und ungeduldig, nach seiner Art.

 

"Ist es Bridledrums Stil?" fragte ich O?Donald, auf die Papierstückchen deutend, die am Boden lagen. "Sie kennen das Englisch Ihrer Landsleute."

 

"Unmöglich zu sagen," entgegnete mein irischer Freund. "Der alte Jackson, der Redakteur, ist jeder Spitzbüberei fähig; aber umsonst begeht er keine. Das spricht für Bridledrum."

 

"Vor allen Dingen müssen Sie herausfinden, wer den Artikel geschrieben hat," meinte Beinhaus entschlossen.

 

"Oder bezahlt," warf O'Donald ein.

 

"Oder bezahlt," gab Beinhaus zu. "Und dann -"

 

"Und dann?" fragte der Engländer strahlend. "Natürlich - "

 

Sein irisches Blut geriet sichtlich in Wallung. Beinhaus gab seinem Schnurrbart eine Drehung nach oben, die mehr sagte als die blutigsten Worte. Ich nickte.

 

"Denn sehen Sie," meinte O?Donald, ohne daß es nötig schien, ein weiteres Wort zu verlieren, "in diesem Lande hat man keine andern Mittel. Verklagen? Bei wem und weshalb? Wer will Jackson hindern, zu drucken, was Bridledrum gelogen hat? Gehen Sie zum englischen Konsul, so lacht er Sie aus, gehen Sie zum preußischen, so schickt er Sie zum Österreicher, kommen Sie zu dein, so sagt er: ?Mochen S' mir kane G'schichten? und schickt Sie nach Hause. Ja, wenn Bridledrum und Jackson ein paar Fellachen wären, ließe sich etwas ausrichten, oder wenn Sie das Glück hätten, ein waschechter Engländer zu sein, was Sie beinahe verdienen."

 

Beinhaus richtete sich auf wie ein Löwe, der brüllen will. Der letzte Satz des heiteren Iren hatte die Ehre seines Vaterlandes berührt. Ich legte besänftigend die Hand auf seine Schulter. Man mußte O'Donald verstehen - der beste Mensch der Welt; aber was ihm in den Kopf kam, das haspelte er heraus, ohne Ansehen der Person.

 

"Selbst ist der Mann!" rief Beinhaus auf deutsch mit wuchtigem Pathos und schien einiges Schillersche beifügen zu wollen.

 

"Das vertrackte Kauderwelsch!" unterbrach ihn unser Freund ärgerlich, suchte aber gleichzeitig mit ihm anzustoßen. "Sprechen Sie wenigstens eine Sprache, die vernünftige Wesen wie unser Eyth und ich gleichzeitig verstehen können. Er fängt ja bereits an einzusehen, was allein zu tun übrigbleibt. Unangenehm; aber, Donnerwetter, 3750 Quadratmeter in der Stunde, das kann er auf sich und Fowler nicht sitzen lassen."

 

Er hat wahrhaftig recht!, sagte ich mir im stillen, im weiteren Verlauf des Gesprächs, nicht ohne leise Skrupel. Mahnende Erinnerungen stiegen in mir auf, mit denen ich über Land und Meer hätte wandern müssen, um ihre Heimat zu finden. Dazu war keine Zeit. Selbst ist der Mann. Vor allem aber war ich's meinen alten Freunden, den Fowlers, schuldig, sie nicht in dieser Weise um Ruf und Recht betrügen zu lassen. Es mußte etwas geschehen.

 

Schließlich, über der zweiten Flasche Ungarwein, kamen wir zu einem Entschluß. Ich wollte am nächsten Tage im Hotel Shepheard zu Mittag essen und konnte mich Bridledrum gegenübersetzen lassen. Beim Nachtisch durfte ich nur die "Egyptian Times" herausziehen - wir hatten ja noch ein unzerrissenes Exemplar - und das Ehrenwort von ihm verlangen, daß er nichts mit dem infamen Artikel. zu tun gehabt habe. Das Weitere mußte sich dann wohl zeigen.

 

Als mich meine Gäste verließen, war O?Donald glückselig in der Hoffnung, daß morgen etwas passieren werde. Beinhaus spielte in finsterer Entschlossenheit mit den Spitzen seines Schnurrbarts. Sie setzten sich trotzdem brüderlich im Wagen des Engländers zusammen; die Zeit war zu aufregend, um kleine Temperamentsunterschiede beachten zu können. Der Esel, auf dem Beinhaus gekommen war, wurde hinten an die Droschke gebunden, was ihm nicht gefiel, bis er wenigstens seinen eigenen Eselstreiber tragen durfte. Dann erst erfolgte der Aufbruch ohne weitere Schwierigkeiten.

 

Unser Programm - Beinhaus nannte es unsern Schlachtplan - schien sich mit schneidiger Pünktlichkeit abspielen zu wollen. Im März beginnt Shepheards Hotel sich zu leeren. Die europäischen Wandervögel, denen es zu heiß wird, ziehen ihrer Heimat zu. Der große Speisesaal war nur mäßig besetzt von etwa fünfzehn Fremden und vielleicht ebenso vielen Herren der europäischen Kolonie Kairos. Dies war O?Donalds Leistung. Er war bei allen seinen Bekannten herumgeritten und hatte ihnen dringend empfohlen, heute bei Shepheard zu Mittag zu essen. Man werde beim Nachtisch etwas Ungewöhnliches erleben, Natürlich. waren es meist Engländer; junge Kaufleute, ein paar Eisenbahnbeamte, der Telegraphendirektor Fred George, ein Arzt, der Stallmeister des Vizekönigs und andre: ein Kreis, wie man ihn in einer deutschen Kleinstadt nicht besser zusammenfinden kann. jedermann kannte sich. jedermann war äußerst neugierig auf das von O'Donald versprochene Ereignis.

 

Es machte sich wie von selbst, daß ich Bridledrum gegenüber Platz nahm. Neben ihm saß O?Donald und der dicke, gutherzige Fred George, neben mir Beinhaus und Heuglin, wir drei die einzigen Deutschen am Tisch, mit Ausnahme eines kleinen schwarzen Männchens am untersten Ende der Tafel, dessen Gesicht mir dunkel erinnerlich war. Ich hatte vor dem Essen Bridledrum auf der Veranda getroffen, im Begriff, drei Damen das abgegriffene Exemplar einer "Egyptian Times" vorzulesen. Er unterbrach jedoch seine Unterhaltung sofort und begrüßte mich mit überströmender Höflichkeit. Bei Tisch sprachen wir von allem möglichen, mit Ausnahme der Pflugprüfung in Schubra: vom Suezkanal, von Halims Pf erden, von dem drückenden Mangel unverschleierter Frauen, von der steigenden Hitze und der Unmöglichkeit, in Ägypten nach dem 1. März eine Woche lang zu leben. Nur O'Donald, der angenehm auf Nadeln saß, spielte ein- oder zweimal auf die Dinge an, die uns allen schwül im Kopf herumgingen, und konnte durch einen gelegentlichen zermalmenden Blick von Beinhaus kaum im Zaum gehalten werden.

 

Doch der entscheidende Augenblick kam endlich heran. Der Engländer hatte eine Riesenflasche Sekt, eine Spezialität Shepheards, in Eis stellen lassen. Eine nicht ganz mißlungene Nachahmung von Plumpudding, in Kognak brennend und köstlich anzusehen in der Glut eines ägyptischen Nachmittags, war erloschen. Wir waren bei Apfelsinen und Mandeln angelangt. Beinhaus durchschnitt eine Blutorange und zeigte mir, mit seinem tiefernsten Blick und dem Messer lautlos, wie rot sie war. Ich fühlte, was er sagen wollte.

 

"Herr Bridledrum!" sprach ich ernst und aufstehend, während der unverbesserliche O'Donald an sein Glas klopfte, um der Sache die Weihe einer Tischrede zu geben. Dieses frivole Benehmen in einem so feierlichen Augenblick ärgerte mich doch; der Mensch hatte auch gar keinen Takt! Etwas schärfer begann ich aufs neue:

 

"Herr Bridledrum, kennen Sie diese Zeitung?"

 

Bridledrum warf einen schiefen Blick auf das Blatt und sagte mit leichtfertiger Gleichgültigkeit:

 

"Nein! - ach ja, die ?Egyptian Times? - jawohl! - Bitte, Herr George, wollen Sie mir die Mandeln heraufgeben? - Was ich erzählen wollte -"

 

"Herr Bridledrum!" unterbrach ich ihn, während mir Beinhaus half, das kleine Männchen mit unsern Blicken auf den Stuhl zu nageln. "Kennen Sie diesen Artikel?" Damit hielt ich ihm das Blatt vors Gesicht.

 

"Einen Artikel? - Was meinen Sie - über die englische Flotte in Malta? Danke sehr, Herr George! Die Mandeln sind wirklich zu erbärmlich - darf ich nochmals bitten - Kellner, die Nüsse!"

 

"Nein, nicht die englische Flotte!" fuhr ich hartnäckig fort. "Diesen Artikel hier: über unser Pflügen in Schubra."

 

"Ach so," sagte Bridledrum, wie erleichtert, daß er mich endlich verstanden habe. "Jawohl, jawohl! Etwas ungeschickt - ich gebe es zu - aber ohne alle Bedeutung! Ich habe ihn kaum angesehen."

 

"Herr Bridledrum!" - ich erhob jetzt meine Stimme, daß die ganze Tafel aufhörte, Orangen zu schälen und Nüsse zu knacken; der entsetzliche O'Donald klopfte trotzdem wieder an sein Glas und glänzte vor Vergnügen. "Ich bitte Sie, mir Ihr Ehrenwort zu geben, daß Sie mit diesem Schandartikel nichts zu tun gehabt haben."

 

Bridledrum wurde jetzt plötzlich krebsrot und fuhr von seinem Stuhl auf.

 

"Ich - Sie -," er stotterte in steigender Erregung - "ich bin nicht verpflichtet, Herr Eyth - Sie sind nicht berechtigt - der Ton, in dem Sie sich erlauben, mir an öffentlicher Tafel eine Frage vorzulegen -"

 

"Ich bitte Sie wegen meines Tones um Entschuldigung," sagte ich mit erheuchelter Ruhe. "Aber der Artikel enthält eine so infame Entstellung von Tatsachen, an denen mir viel gelegen ist, daß ich die Frage wiederholen, daß ich auf einer Antwort bestehen muß. Haben Sie mit diesem Artikel etwas zu tun gehabt? Haben Sie dem Redakteur Jackson das Material dazu geliefert? Ich will nicht glauben, daß Sie ihn selbst geschrieben haben. Ja oder nein?"

 

O'Donald schob ihm ein Glas Champagner hin, das er rasch zu sich nahm. Dann rief er mit frisch angefeuchteter, entschlossener Stimme:

 

"Sie haben kein Recht, Herr Eyth, mich zu examinieren. Ich werde Ihnen nicht antworten. Ich antworte niemand, der mich in dieser Weise ausfragt."

 

"Und ich erkläre den Mann, der diesen Artikel geschrieben hat, für einen Schuft!"

 

"Sie haben kein Recht, zu vermuten, daß ich den Artikel geschrieben habe."

 

"Ich habe nicht gesagt, daß Sie ihn geschrieben haben, aber ich verlange die Versicherung, daß Sie ihn nicht geschrieben haben."

 

"Ich weigere mich, auf eine solche impertinente Frage zu antworten!"

 

"Das genügt!« warf Beinhaus ein, mit: einer Stimme, die Hamlets Geist Ehre gemacht hätte.

 

"Gsch, gsch, gsch!" zischte O'Donald, der sich nicht mehr halten konnte.

 

"Es ist nicht nötig, gsch, gsch, gsch zu machen!" schrie Bridledrum jetzt in ungeheucheltem Zorn. "Wenn Sie mich einen Schuft nennen, dann - dann - dann sind Sie auch einer!"

 

Dies war nicht gerade geistreich. Beinhaus stand auf. "Kommen Sie," sagte er mit seiner Grabesstimme. "Sie sind mit Ihren Orangen fertig: ich auch."

 

Wir gingen gemessenen Schrittes an der langen Tafel hinunter, an der eine Stille herrschte, daß man ein Messer hören konnte, das durch einen Apfel schnitt. Auch auf der Veranda war es still und noch leer. Die untergehende Sonne vergoldete die Spitzen der Palmen auf der Esbekieh, die damals noch mit ihrem undurchdringlichen Buschwerk unter mächtigen Sykomoren eher einem versumpften Urwald glich als dem eleganten Park, der heute aus ihr geworden ist. In den schwülen, schwarzen Schatten der hereinbrechenden Dämmerung flimmerten schon, wie Irrlichter, einzelne Lämpchen, und das zitternde, näselnde Kreischen eines arabischen Sängers tönte schläfrig aus derselben Richtung herüber. Unter mir in der stillen Straße saß ein verspäteter Schlangenzauberer, der, sobald er mich sah, seine glatten, zierlichen Freunde aus dem Sack holte, sie mir entgegenschüttelte und sein: "Backschisch, Backschisch, o Herr!" zischelte. Die ersten Atemzüge des Nachtwindes kühlten unsre Stirnen.

 

Einige Minuten später gesellte sich auch Heuglin zu uns. "Ausweichen kann er jetzt nicht mehr," sagte Beinhaus. "Wenn nicht in fünf Minuten einer seiner Freunde herauskommt, muß ich für Sie hinein und die ersten Schritte tun."

 

"Gehen Sie," bat ich. "Je schneller solche Torheiten abgemacht sind, um so angenehmer ist es."

 

Er ging. Heuglin blieb und, was ich noch nie an ihm bemerkt hatte, sah nach dem aufgehenden Mond. Auch er hatte damals seine stillen Gedanken, die mit Fräulein Tinne, seiner holländischen Araberin, und ihrem Sarazenenschloß in Alt-Kairo zusammenhingen. Doch das ist eine andre Geschichte und gehört nicht hierher. Aber wer kann es hindern, wenn sich manchmal die Erinnerungen kreuzen wie Träume und sich verwirren, fast wie das wirkliche Leben selbst.

 

Mein Abgesandter schien nicht so rasch zum Ziel zu kommen, wie wir erwartet hatten. Nach fünfzehn Minuten endlich kam er wieder, aber nur um Heuglin zu holen. Bridledrum habe sich in sein Zimmer zurückgezogen und die Angelegenheit seinen Freunden O'Donald und Fred George übertragen. Ein ganz, korrektes Vorgehen. O'Donald sei ein Mann, mit dem sich ein Wort reden lasse. Ich wußte das. Er hatte einen Onkel gehabt, der bei Balaklawa in der Krim gefallen war, und mancherlei abenteuerliche Anverwandte und Vorfahren irischen Bluts. Dies neben dem fröhlichen Blutdurst eines leidenschaftlichen Sportsman gab ihm den erforderlichen moralischen Halt, wenn die Dinge ernster wurden. Fred George, der Telegraphendirektor, einer meiner besonderen Freunde, weil er in seinen zahllosen Freistunden wunderhübsch zeichnete, wollte dagegen schlechterdings nicht begreifen, daß die ganze Sache kein Scherz war. Wenn die Deutschen boxen könnten wie von Gott mit Vernunft begabte Wesen, meinte er, so wäre die Angelegenheit im Hotelgarten in zehn Minuten geregelt und könnte im schlimmsten Fall einen Zahn und ein paar geschwollene Augen kosten. Aber mit diesen Deutschen sei eben nichts zu machen; es fehle ihnen von Geburt am gesunden Menschenverstande. Bei Eyth habe er bisher geglaubt, wenigstens Spuren hiervon zu entdecken. Er müsse leider zugeben, daß er sich getäuscht habe. Pistolen! - Unsinn!

 

So ganz unrecht hatte Fred George vielleicht nicht. Aber wie war die Sachlage zu ändern? Wir hatten uns an der öffentlichen Gasthoftafel zwei Schufte an den Kopf geworfen. Wenn Bridledrum mich nicht ebenso öffentlich um Verzeihung bat und die Entstehung des erlogenen Zeitungsartikels so erklärte, daß ich den Redakteur Jackson an den Ohren nehmen konnte, war kein andrer Ausweg denkbar. Allerdings, totschießen konnte ich das kleine Männchen unter keinen Umständen. So weit war ich mit Fred George einverstanden. Nur durfte dies Beinhaus nicht wissen, denn vorläufig mußte zum mindesten der Schein gewahrt werden, Dies schien den Engländern gegenüber notwendig zur Ehre unsres deutschen Vaterlandes, das wir damals, im Jahre 1864, noch unter dem Herzen trugen und heißer liebten als manchmal später nach seiner Geburt.

 

Ich lag immer noch auf dem Geländer der Veranda, ruhiger und etwas müde werdend, und sog die köstliche Nachtluft in vollen Zügen ein. Über mir hatte sich der ägyptische Sternenhimmel geöffnet. Unter den schwarzen Bäumen der Esbekieh irrlichterte es lebhafter. In die näselnden Triller arabischer Musik mischten sich jetzt die pausbackigen Klänge einer böhmischen Damenkapelle aus etwas weiterer Ferne. Die stille Harmonie einer orientalischen Nacht wurde von diesen leichten Dissonanzen kaum gestört. Erst nach einer Weile bemerkte ich, daß sich ein kleiner, schwarz gekleideter Herr neben mir auf das Geländer stützte, so daß mein Arm den seinen fast berührte. Ich sah in das bleiche, weltverlorene Gesicht des Mannes, den ich vor einiger Zeit zum erstenmal vor Meiers Bierwirtschaft in der Muski bemerkt und für einen kranken Missionar gehalten hatte. Er sah auch heute noch so aus.

 

"Ich bin ein Landsmann von Ihnen," sagte er etwas schüchtern, mir noch näher rückend. "Ich heiße Häberle."

 

"Sehr erfreut," erwiderte ich etwas geärgert. Der Friede und die Stille der Nacht waren mir für den Augenblick lieber als Herr Häberle.

 

"Verzeihen Sie, ich. bin aus Ingelfingen gebürtig," fuhr er nach einer Pause fort und stockte wieder.

 

"Ich verzeihe Ihnen dies von ganzem Herzen," versicherte ich, da er sichtlich eine Bemerkung erwartete und ich zu weich gestimmt war, um den bleichen Mann schroff abweisen zu können.

 

"Und Sie haben Ihre Jugend in Schöntal verlebt, nur drei kleine Stunden von Ingelfingen. Das habe ich vom Hoteldirektor erfahren, der ja auch ein Württemberger ist. Und Sie, verzeihen Sie doch, Sie wollen einen Mord begehen. Lieber Herr Eyth, hier in dem Lande, in dem Joseph und seine Brüder gelebt haben."

 

"Woher wissen Sie das?" fragte ich etwas scharf.

 

"Vom Joseph?" fragte er erschrocken.

 

"Nein, vom Mord."

 

"Ich habe ausnahmsweise auch bei Shepheard zu Mittag gegessen," erklärte der Bleiche. "Der Arzt hat mir dies geraten. Dabei habe ich die ganz entsetzliche Einleitung mit anhören müssen. Und dann war ich eben bei Herrn Bridledrum in dessen Zimmer. Ich glaube, er bereut es tief, so leidenschaftlich gewesen zu sein. Herr Eyth, Bridledrum hat eine Mutter, eine Mutter im fernen England, in seiner Heimat."

 

"Eine Mutter habe ich auch, Herr Häberle," sagte ich ganz ernsthaft.

 

"Und vier Schwestern!" fuhr Häberle eindringlich fort. "Da fühlte ich, daß ich nicht schweigen dürfe. Ich fühlte, daß es für mich eine Gewissenssache sei, mit Ihnen zu sprechen."

 

"Ich habe nur eine Schwester," gestand ich. "Sie in mir aber lieber als die vier Fräulein Bridledrum, das dürfen Sie mir glauben."

 

"Sehen Sie!" triumphierte Häberle mit Milde. "Dabei denken Sie an Mord. Dabei, höre ich, seien Sie entschlossen, diesem unglücklichen, aber offenbar wackeren jungen Mann mit einer scharfgeladenen Pistole entgegenzutreten. Einem Mitmenschen, der Ihnen eigentlich nichts getan hat, der sich in der Übereilung - ich gebe es ja zu - eine Übereilung zuschulden kommen ließ. Er gebrauchte vielleicht das Wort blackguard; - blackguard heißt ?Schuft?, habe ich mir sagen lassen, ein Ausdruck, den Sie übrigens ja selbst in das Gespräch einflochten. Oh, Herr Eyth, hier im Lande, in dem Joseph und seine Brüder gelebt haben!"

 

"Soll ich Ihnen etwas anvertrauen, Herr Häberle?" fragte ich sehr leise.

 

"Wenn Ihr Gewissen sich rührte," rief er heftig, "wenn es mir gelungen sein sollte, an Ihr Gewissen zu klopfen und es zu wecken! Sprechen Sie! Sagen Sie mir, daß es mir beschieden war -"

 

"Sie meinen es gut, aber schreien Sie nicht so! Ich glaube," flüsterte ich ihm ins Ohr, "auch im schlimmsten Fall wird unser Freund Bridledrum mit dem Leben davonkommen. Ich glaube das! Wissen Sie, was glauben heißt, fest glauben, in einem solchen Fall?"

 

"Aber - aber -" flüsterte Häberle dringend und keinen Augenblick an meinem Ernst zweifelnd, "wenn ein Unglück passieren sollte -"

 

Beinhaus stand plötzlich hinter uns und schob den kleinen Herrn mit einer brüsken Bewegung seines langen Armes auf die Seite, scheinbar ohne ihn zu sehen.

 

"Es ist geordnet," sagte er dumpf. "Das war eine Komödie mit den verfluchten Engländern, von denen keiner eine Idee von Komment hat. Der Telegraphendirektor hofft immer noch, daß Sie sich mit Ihrem Gegner boxen werden. Er will Ihnen Stunden geben, wenn Sie nichts davon verstehen sollten. O?Donald ist ein Gentleman und vernünftig, soweit dies einem Engländer möglich ist. Pistolen, zweimaliger Kugelwechsel auf fünfundzwanzig Schritt. O?Donald wollte fünfzig haben, aber er ließ mit sich handeln. Dann wollte er ein Paar prachtvolle arabische Pistolen aus dem siebzehnten Jahrhundert gebraucht wissen, die er von einem entfernten Onkel geerbt haben will, der die Mameluckenschlachten gegen Napoleon mitgemacht hat. Ziselierter Silberbeschlag, Feuerschlösser, eine Mündung wie eine Posaune, zum Um-die-Ecke-schießen! Hier gab ich nicht nach. Wir nehmen die meinen, mit denen schon einmal in Baltimore ein Redakteur über den Haufen geschossen wurde. Ort und Zeit: am Obelisk von Heliopolis, übermorgen früh um acht Uhr. Als wir so weit im reinen waren, fragte mich O?Donald, wie wenn wir alle unter einer Decke steckten, ob ich wirklich glaube, daß es Ihnen Ernst sei. Diese Engländer!"

 

Häberle, der mit allen Nerven gehorcht hatte, sah mit gefalteten Händen und einer wahren Jammermiene an den Mond hinauf.

 

"Kann nichts geschehen?" stöhnte er. "Guter Gott, kann wirklich nichts geschehen, um diesen Mordplan zu vereiteln?"

 

Mit einer zweiten seiner großen Armbewegungen fegte Beinhaus, auch diesmal ohne ihn zu berühren, den Verzweifelnden in den Schatten der Veranda, in dem er laut- und spurlos verschwand, um Bridledrum noch einmal aufzusuchen, wie ich später hörte.

 

"Heuglin und ich werden Sie übermorgen früh um sieben Uhr in Schubra abholen," fuhr Beinhaus fort. "O?Donald und Fred George nehmen Bridledrum von hier mit. Am Obelisken treffen wir zusammen. Es wird den alten Monolithen freuen, wenn er auch wieder etwas zu sehen kriegt."

 

"Und der Arzt?" fragte ich. Häberles Prophezeiung, daß auch dem Kurzsichtigsten ein Unglück passieren könne, ging mir doch durch den Kopf.

 

"Ich wollte heute abend noch zu Riehl," antwortete Beinhaus. "Das ist der einzige Doktor hier, der noch etwas aus seiner Studentenzeit weiß. Er sei aber verreist, in Alexandrien. O?Donald will einen Engländer bringen, einen Kerl namens Wilkens, Walker, Weller oder wie er heißen mag."

 

"Weller!" rief ich halb entsetzt, halb entzückt. Das war ein mir wohlbekannter Jagdfreund O?Donalds, ein englischer Zahnarzt, der sich seit drei Monaten in Kairo niedergelassen und bis jetzt vergeblich auf kranke Zähne gewartet hatte.

 

Selbst Beinhaus? grimmige Züge erhellte ein leises Lächeln, als ich ihm dies erklärte. Heuglin, der wie traumverloren bis jetzt am andern Ende der Veranda gestanden hatte, kam zum Vorschein.

 

"Man muß sich in diesem dunkeln Weltteil behelfen, so gut man kann, das ist das Alpha und Omega für ganz Afrika," sagte er. "Wer weiß, vielleicht schießt ihr euch in die Zähne, dann ist der Mann in seinem Element."

 

"Und Sie können Vögel häuten, wie es kein Chirurg in Europa besser zustande brächte," rief Beinhaus tröstend. "Mit Ihnen und diesem Weller auf dem Plan können wir dem Schlimmsten beruhigt entgegensehen."

 

Es war spät geworden. Schon seit einer Stunde wartete mein Pferd mit dem neben ihm schlafenden Sais vor der Veranda auf den Heimritt. Ich dankte Beinhaus und Heuglin für ihre unbezahlbaren Freundesdienste und nahm rasch Abschied. Als ich mich in den Sattel schwang, sah O'Donald über das Verandageländer heraus.

 

"Adieu, adieu!" rief er mir lachend zu. "Wenn Sie morgen Ihr Testament machen, denken Sie auch an mich!"

 

"Die Reste meines Ungarweins!" rief ich und setzte den Araber in Bewegung.

 

"Die bekomme ich sowieso!" schallte es mir nach. Dann war ich auf meinem gewohnten stillen Wege unter den Sykomoren, die im sanften Nachtwind die ernsten Köpfe schüttelten, als sie mich kommen sahen.

 

Blut

 

Der folgende Tag ließ mir keine Zeit, an das gewünschte Testament zu denken. Ich hatte auf der Insel, welche der sich spaltende Nil vor Schubra bildet, die Lage eines Pumpwerks und die allgemeine Richtung der Hauptbewässerungskanäle auszustecken. Die Gesira, wie man das kleine Gut auch nannte, umfaßte sechshundert Hektar ärmlichen Weizen- und Kleelands, das der vom linken Nilufer herüberwehende Wüstensand gründlich verdorben hatte. Dieser Boden sollte durch reichliche Bewässerung so rasch als möglich in gute Baumwollfelder umgewandelt werden. - Schon vom Nachmittag an waren vierzig Fellachen an der Arbeit, die Gräben für die Fundamentmauern des Pumpenhauses auszuheben, so daß ich erst spätabends wieder über den Nil setzen und nach Hause kommen konnte: wolfshungrig und in munterer Arbeitslaune. Das neue Pumpwerk, die erste Zentrifuge in Ägypten, sollte der alten Pumpe in Schubra zeigen, was in unsern Tagen wasserspeien heißt. Die Stimmungsnebel vom Tag zuvor waren in den sechsunddreißig Grad Réaumur der schattenlosen Insel völlig verdampft.

 

Koch und Dragoman berichteten gemeinsam und abwechselnd, daß zwei Besuche dagewesen seien und ein Herr aus dem Palast ein kleines Papier geschickt habe. Das letztere erwies sich als eine Visitenkarte Bridledrums, der Halim Pascha besucht haben mochte, und blieb vorläufig unerklärlich. Zum freundlichen Austausch von Visitenkarten schienen die Verhältnisse doch kaum geeignet zu sein.

 

Der erste Besuch sei ein bleicher, schwarz gekleideter Herr gewesen, der eine ganze Stunde lang auf midi gewartet habe. Er sei auf einem schlechten Eselchen gekommen, das zwei Okkas meiner Pferdebohnen gefressen habe. Der Herr habe nichts angenommen. Einige weitere Fragen ließen keinen Zweifel, daß ich Häberles Besuch versäumt hatte, der sich sichtlich der inneren Mission zuwandte, seitdem ihm die äußere so wenig Freude machte. Armer Häberle! Es regnet zwar in Kairo fast nie, und doch schien er in Gefahr zu sein, aus dem Regen in die Dachtraufe zu kommen.

 

Dann sei der große Herr mit dem langen Schnurrbart und dem roten Gesicht erschienen und habe ein Kästchen gebracht. Der habe eine Flasche Ungarwein getrunken und dem Bleichen auch etwas davon gegeben, aber nicht viel. In diesen Dingen waren die Berichte meines abessinischen Hausvogts stets von peinlichster Genauigkeit. Darauf hätten sie sich ein wenig gestritten. Der Bleiche habe das Kästchen wieder mitnehmen wollen; der Rote habe dies nicht gelitten. Schließlich seien sie ohne das Kästchen zusammen nach Hause geritten. Der neugierige Koch hatte es schon geöffnet. Es enthielt zwei englische Bulldoggpistolen und den nötigen Zubehör. Meine beiden Freunde hatten, jeder nach seiner Art, liebevoll für mich gesorgt. Trotzdem schlief ich nach dem üblichen Kampfe mit den Moskitos, die sich unter den Gazevorhängen eingeschlichen hatten und erst erlegt werden konnten, nachdem sie bis zur Flugunfähigkeit in Blut geschwelgt hatten, den Schlaf des Gerechten und erwachte wohlgemut und kampfbereit, aber auch fest entschlossen, Bridledrum heute noch nicht zu ermorden. Er war ein ungeschickter Lump, ohne Zweifel, und die Ehre verlangte, daß die Sache mit dem nötigen Ernst behandelt wurde. So weit hatte Beinhaus recht. Auch Häberle hatte recht, dabei konnte es möglicherweise ein Unglück geben. Aber kann es nicht auch ein Unglück geben, wenn ich einer Riemenscheibe zu nahe komme oder Bridledrum einen bösartigen Esel besteigt? Leben wir nicht in einem Lande, guter Häberle, in dem Joseph und seine Brüder angesichts verschiedener Gefahren mit heiler Haut davonkamen und sogar ihr Glück gemacht haben? An Vertrauen in eine gütige Vorsehung übertraf ich den wackeren Missionar fühlbar.

 

Beinhaus kam trotz seines Hessentums mit preußischer Pünktlichkeit, als ich gerade zu Ende war, ein Dutzend Fellachen mit ihren Weisungen für die Vormittagsarbeiten abzufertigen. Er ritt, der Ehre des Tages zuliebe, eines der wenigen Maultiere, die in Kairo zu mieten sind, und bestand darauf, daß ich aus demselben Grunde mein Pferd statt meines Fest- und Sonntagsesels vorführen ließ. Mein Sais trug das Kästchen mit den Mordwerkzeugen. Heuglin, der verschlafen war, wollte mit dem Zahnarzt und den Herren der feindlichen Partei direkt nach dem Obelisk kommen. Es war dies nicht richtig, wie mir Beinhaus auseinandersetzte, weil zu befürchten stand, daß ihn O?Donald, Bridledrums Hauptsekundant, in seiner unpassenden Weise auf dem Wege in heitere Gespräche verwickeln würde. Aber es sei nun einmal nicht anders zu machen gewesen, da kein Mensch Heuglin aufwecken könne, wenn er über sechs hinaus schlafe. Man müsse in Ägypten ja manchmal fünf gerade sein lassen. So bestehe O?Donald darauf, daß draußen gelost werden müsse, welche Pistolen zu gebrauchen seien, und er werde seine sarazenischen Mordwerkzeuge aus dem siebzehnten Jahrhundert jedenfalls mitbringen. Hoffentlich werde ich hiergegen ein definitives Veto einlegen.

 

Trotz des herrlichen Morgens, in den wir plaudernd hinaustrabten, wurde ich nun doch etwas ernster. Das Unglück, das Häberle voraussah, das Kästchen, welches mein Sais übermütig in der Luft schwang, manches andre ging mir ein wenig im Kopf herum. Bridledrum hatte eine Mutter und vier Schwestern; ich hatte eine Mutter und eine Schwester, zusammen zwei Mütter und fünf Schwestern, die alle keine Ahnung davon hatten, was uns in den nächsten fünf Stunden bevorstand. Natürlich: der kleine schwatzhafte Bridledrum mit seinem erbärmlichen Pflug war seines Lebens sicher genug. Seine Mutter und Schwestern verdienten keine Teilnahme. Aber ich - wer weiß! - und die Welt ist so schön, namentlich morgens.

 

Wir hatten Schubra, seine grünen und schwarzbraunen, frisch gepflügten Felder hinter uns. Auch an Howards Pflug waren wir vorbeigekommen, der noch trostlos an derselben Stelle stand, genau wie in dem Augenblick, in dem der Bleipfropf in der Feuerbüchse seiner Lokomobile ausgebrannt war. Die englischen Arbeiter schienen spurlos verschwunden zu sein. Fowlers Pflüge arbeiteten längst wieder in verschiedenen Ecken des Gutes. Manchmal hörte man aus weiter Ferne das Pfeifen der Dampfmaschinen. Wir ritten an einem vertrockneten Kanal entlang und näherten uns der gelben, glänzenden Wüste, die sich bis an den Horizont ausdehnt. jetzt sah man die Spitze des Obelisken über einer Tamariskengruppe in einem ärmlichen, versandeten Kleefeld auftauchen. In drei weiteren Minuten hatten wir alles erreicht, was von der heiligen Sonnenstadt der alten Ägypter noch übrig war.

 

Neben dem Obelisken stand eine halbzertrümmerte Droschke. Die Wege nach Heliopolis waren in jenen Tagen kaum befahrbar und die einzige Hoteldroschke in einem chronischen Zustand des Geflicktwerdens. Doch auch unsere Gegner hatten gefühlt, daß der feierliche Augenblick, dein wir alle entgegengingen, eine besondere Ehrung erfordere. Trotz Zechs Warnungen - Zech war der Besitzer von Shepheards Hotel - wurde die Droschke hervorgezogen und auf Bridledrums Rechnung gesetzt.

 

Fünf Herren bildeten eine feierliche Gruppe um das Fuhrwerk. O'Donald, Fred George, Heuglin, Weller und neben einem Eselchen, das sehr viel besser aussah als die Droschke, in ernstem Schwarz, aber mit ungewöhnlich heiterem Gesicht, Häberle, der sein geduldiges Lasttierchen noch nie so unchristlich mißhandelt hatte wie heute. Galt es doch, der Droschke nachzukommen und vielleicht im letzten Augenblick noch dem Blutvergießen Einhalt zu tun!

 

Aber wo war Bridledrum, der Mittelpunkt des Ganzen, um den sich alles drehen sollte?

 

Wir sprangen ab. Beinhaus drehte seine Schnurrbartspitzen zornig nach oben, denen der Ritt auf dem Maultier nicht zugesagt hatte. Dann nahm er seine ernsthafteste Miene an und begrüßte O'Donald, der ihm, in knabenhafter Fröhlichkeit erstrahlend, entgegenkam. Daß der Mensch nie ernsthaft sein konnte!

 

"Es tut mir pyramidal leid," sagte er, auch mir die Hand schüttelnd, "Herr Bridledrum mußte heute früh plötzlich in Geschäften nach Alexandrien abreisen. Halim Pascha hat ihm gestern nachmittag seinen Pflug abgekauft. Er ist halb verrückt vor Freude und hat nun alles mögliche anzuordnen."

 

"Namentlich einen neuen Bleipfropf herbeizutelegraphieren," sagte ich grimmig. Ich fühlte, daß das Schicksal seinen Spott mit mir trieb. Das ging denn doch über das Lachen, wenn es nun meine Aufgabe werden sollte, mich mit dem vernichteten Howardschen Pflug herumzuschlagen. Aber es konnte ja nicht wahr sein!

 

"Und dann," fuhr O'Donald fort, "habe ich auszurichten, daß er sich Ihnen bestens empfehlen läßt und das Mißverständnis von vorgestern auf das lebhafteste bedaure, namentlich, da er jetzt in weitere angenehme geschäftliche Beziehungen zu mir zu treten die Ehre haben werde. Wenn irgend etwas, etwa eine hastige, wenn auch gutgemeinte Äußerung zurückzunehmen sei: er nehme mit Vergnügen alles zurück. Und er gebe mir die Versicherung und sein heiliges Ehrenwort, daß er den Artikel, der mich mit Recht gekränkt habe, Herrn Jackson, dem Redakteur der ?Egyptian Times? - Sie hören, meine Herren, Herrn Jackson," rief O'Donald, jedes Wort scharf betonend, "weder übergeben noch zugesandt, am allerwenigsten denselben verfaßt oder gar geschrieben habe."

 

Häberle konnte sich nicht länger halten. Er stürzte auf mich zu, drückte mir beide Hände mit aller Macht, und ich glaube, er hätte mich geküßt, wenn Beinhaus ihn nicht erschreckt hätte. Er kannte die Armbewegung des alten Teutonen und sprang hastig auf die Seite.

 

"Ich weiß nicht," sagte jener mit seiner tiefsten Baßstimme und mit zitternden Schnurrbartspitzen, "ob diese Erklärung unter den vorliegenden Umständen als genügend angesehen werden kann."

 

"Ich weiß nicht, was wir mehr verlangen können," meinte ich mit mühsam errungener Fassung. Das Ende der Pfluggeschichte arbeitete in meinem Innern wie ein Chininpulver. Ein Sturm brauste in meinen Ohren, aber ich fühlte, daß es meine Pflicht war, in diesem schweren Augenblicke, in dem ich nach dem glänzendsten Siege einer unbegreiflichen Niederlage gegenüberstand, mich wenigstens äußerlich als Mann zu zeigen. "Bridledrum hat das Äußerste getan, was wir verlangen können: er hat uns auf Ehrenwort seiner Unschuld versichert, hat den ?Schuft? zurückgenommen und ist durchgebrannt. Ich weiß jetzt, an wen ich mich zu halten habe. - Bei Gott!" - der Pflugverkauf regte sich aufs neue - "Jackson in Alexandrien soll mir Rede stehen!"

 

"Nein, nein!" rief Häberle entsetzt. "Lassen Sie die Sache jetzt endlich ruhen, lieber Herr Landsmann. Sehen Sie doch eine Fügung in der Wendung, die die schreckliche Geschichte heute genommen hat. Seien Sie mit mir dankbar -"

 

Wieder griff Beinhaus ein. Seine Armbewegung, auch in achtbarer Entfernung, genügte, Häberle mitten in einem Satz zum Schweigen zu bringen.

 

"Wenn Sie mich gebrauchen können, wackrer Freund," sagte er mit tiefem Ernst, "stehe ich Ihnen überall und jederzeit zur Verfügung. Die Pistolen sind in vortrefflicher Ordnung."

 

"Vorläufig brauche ich Sie in andrer Weise. Herzlichen Dank!" sagte ich, mich zusammennehmend. "Ich brauche Sie alle, meine Herren. Kommen Sie mit mir nach Schubra zurück. Nach diesem Morgenritt kann uns ein kleines Frühstück nichts schaden. Schade, wirklich schade, daß uns Herr Bridledrum nicht begleiten kann."

 

Zehn Minuten wurden dem Studium des ehrwürdigen Monoliths gewidmet, der mit unerschütterlicher Ruhe auf uns herabsah, wie er in seiner einsamen Größe auf die letzten viertausend Jahre herabgesehen hatte. Häberle, der sich trotz aller Schwierigkeiten von Beinhaus unwiderstehlich angezogen fühlte, erklärte diesem die halbverwitterten Hieroglyphen des Pharao Usertesen, der ohne Zweifel der Pharao des Auszugs gewesen sei. So versicherte wenigstens Häberle. "Wenn man bedenkt," sagte er andächtig, "daß der Pharao, der mit dem heiligen Manne Moses verkehrte, der die Wunder Ägyptens am eignen Leibe erfuhr und der schließlich im Roten Meer ertrank, diese Adler und Messer und Augen in den Granit einhauen ließ, den ich jetzt berühre, ich, der Kandidat Häberle aus Ingelfingen im Hohenloheschen."

 

Wir fühlten alle die Größe dieser Tatsachen mit dem kleinen wackeren Manne, der in seiner Herzens- und Friedensfreude überaus gesprächig geworden war. Dann setzte sich die Karawane in Bewegung. Ich ritt neben der Droschke, um mit meinem technischen Rat an ihrer Fortbewegung teilzunehmen; denn es ist nicht leicht, ein Wagenrad, welches Hitze und Wegeshindernisse in seine Bestandteile aufzulösen begonnen haben, mit Stricken zusammenzuhalten. Beinhaus und Häberle bildeten die Nachhut. So kamen wir glücklich in Schubra an, wo uns ein einfaches, aber wohlgemeintes Frühstück empfing und die Todesahnungen des Morgens rasch vergessen ließ. O'Donald konnte sich nach zwei Stunden fröhlichen Plauderns überzeugen, daß mein Ungarwein kein Testament mehr nötig hatte. Die letzte Flasche entkorkte Häberle uns dazu von dem herrlichen Gewächs seines Vaters zu Ingelfingen am Kocher. Nur wer in fernen Ländern, bratend am Rande der Wüste oder zähneklappernd im ewigen Eise, gesessen, weiß, was er in der Heimat besaß.

 

Beinhaus berichtete später mit weitaufgerissenen, entsetzten Augen, wie Häberle, der gute, fromme Häberle, sich auf dem Heimweg in der Schubraallee betragen habe. Dort erzählte er der Gesellschaft, daß er in seiner Kindheit dem Drang, Kunstreiter zu werden, kaum habe widerstehen können, und bestand darauf, Beinhaus zu zeigen, wie weit er es durch Beharrlichkeit und Selbstunterricht in dieser Richtung gebracht habe. Daß er schließlich in dem weißen, sechs Zoll tiefen Straßenstaub saß und mit verwunderten Blicken seinem davoneilenden Eselchen nachsah, möge verschwiegen bleiben. Ein tiefer Seelenschmerz lagerte sich auf seinen ernsten" bleichen Zügen, wenn jemand grausam genug war, ihn in späteren Zeiten an jenen unvergeßlichen Augenblick zu erinnern.

 

Die anderen hätten ihn liegenlassen. Beinhaus hob ihn auf, stäubte ihn ab und brachte ihn nach Hause. Sie hatten beide den guten Kern ineinander erkannt.

 

Druckerschwärze

 

Auch mir war es nur halb wohl, als ich am nächsten Morgen mit dem ersten Zug nach Alexandrien fuhr. Klarheit wollte ich mir verschaffen, koste es, was es wolle, und büßen sollte der, der in so schändlicher Weise, mit Lug und Trug, in mein ehrliches Schaffen eingriff. War es Jackson, der Redakteur selbst, so hatte ich ihm, mindestens den Kragen umzudrehen. War er es nicht, so mußte er zum Geständnis gebracht werden, wer den Schandartikel geschrieben hatte, dessen schlimme Folgen sich so rasch fühlbar zu machen schienen. Sechs Stunden in einem glühenden Eisenbahncoupé zwischen Kairo und Alexandrien, ein Ungarweinfrühstück den Tag zuvor und eine schwergeschädigte große Sache, die gerettet werden mußte -dies alles zusammen gibt eine so warme Mischung, daß meine wiedererwachende, blutdürstige Stimmung vielleicht zu entschuldigen war.

 

Um vier Uhr erreichte ich eine der elenderen Nebenstraßen des Mohammed-Ali-Platzes und stand in einem dumpfigen, tiefverstaubten Hause vor Jacksons Zimmertüre. Man gelangte an dieselbe durch eine kleine Druckerei, die einer unglaublich schmutzigen, alten Rumpelkammer glich, in welcher zwei müde Setzer über ihren Setzkästen schliefen. Ich kannte den Herrn Redakteur nur oberflächlich, obgleich er mich seit einem Jahr um Abonnements, Anzeigen und Beiträge für sein "Weltblatt des Orients" genügend gequält hatte: ein großer, fetter Mann, der in einem kälteren Klima würdig genug ausgesehen haben würde. Hier machte er den Eindruck eines übervollen Schmalztopfes, den der Zufall zu nahe ans Küchenfeuer gestellt hatte.

 

Ich legte mein Gesicht in Falten, die ich dem Umgang mit Beinhaus verdanke. Leider fehlte meinem Schnurrbart die erforderliche Länge und die Fähigkeit, an warmen Tagen mit den Spitzen nach oben stehenzubleiben. Um so ernster war mir?s zumute, als ich klopfte.

 

"Herein!" Natürlich auf englisch.

 

Jackson saß matt, in Hemdärmeln und kragenlos in einem gebrechlichen, aber riesigen Bureaustuhl, ein feuchtes Taschentuch über den kahlen mächtigen Schädel geklebt, eine Schere am Daumen hängend, umgeben von einem Gebirg von Papierschnipfeln und drei großen Gummitöpfen.

 

"Was wollen Sie? - ich schlafe!" stöhnte er, kaum hörbar, während ein imponierendes Schnarchen ruhig weiterarbeitete. Dann wachte er plötzlich auf: "Ach, sehr angenehm, sehr angenehm, Herr Mac Id, Herr Oberingenieur Mac Id aus Schubra! Sehr angenehm. Mit was kann ich dienen? Bitte, nehmen Sie Platz."

 

Er glänzte von fettiger Freundlichkeit. Ich versuchte ihn mit einem Blick zu vernichten, fand aber, daß man Schmalztöpfe nicht mit Blicken vernichtet. Er lächelte nur um so freundlicher.

 

"Ich komme von Kairo, Herr Jackson," sagte ich herbe, "um ein ernstes, sehr ernstes Wort mit Ihnen zu sprechen."

 

"Was Sie sagen!" rief er ganz erfreut. "Nehmen Sie etwas Whisky, oder Brandy gefällig, Herr Mac Id? Beides hier, in nächster Nähe."

 

Ich würdigte diesen Bestechungsversuch keiner Antwort.

 

"Kennen Sie dies?" fragte ich mit erhobener Stimme und zog meine "Times" aus der Brusttasche, die mir schon zum zweitenmal als wirkungsvoller Revolver dienen mußte.

 

Er warf einen schielenden Blick auf das Blatt. Einen Augenblick zuckte es wie ein verlegener Ärger um seine dicken Lippen; dann lachte das ganze rote Gesicht wieder in ungetrübter Fröhlichkeit.

 

"Whisky oder Brandy? Sagen Sie, was es sein soll?" rief er. "Meine Zeitung - vom 13. März -" er stockte, nachdenklich - "Aha!" schrie er plötzlich frohlockend: "Der Artikel über Ihren prächtigen Dampfpflug! Gewiß, gewiß - Herr Mac Id -"

 

"Und nun sagen Sie mir, Herr Jackson," fuhr ich mit schwer zurückgehaltener Entrüstung fort, "haben Sie diesen verleumderischen Schandartikel von Herrn Bridledrum erhalten? Von Herrn Bridledrum, dem Vertreter der Fabrik Howard in Bedford, oder haben Sie das Zeug selbst gebraut?"

 

"Ha, ha, ha!" lachte er aus vollem Hals, "selbst gebraut! Sehr gut! - Nein, mein verehrtester Herr Mac Id, selbst gebraut habe ich ihn nicht. Wir brauen hier nichts selbst, grundsätzlich. Zeit ist Geld. Wir haben von beiden nichts übrig."

 

Er schwang freudig seine Schere; es war keine schlechte Verteidigungswaffe, wenn unsre Besprechung handgreiflicher werden Sollte, was mehr und mehr wahrscheinlich wurde.

 

"So hat Ihnen Bridledrum den Artikel eingesandt!" rief ich hitzig. "Also doch! Und Sie haben ihn ohne jede Kritik, ohne alles Verständnis abgedruckt?"

 

"Den Artikel - den Artikel -?" Jackson legte sinnend den Finger an die Nase und schielte wieder nach dem Blatt, das ich auf den Tisch geworfen hatte. - "Bridledrum? - ja, hat er Ihnen denn nicht gefallen? Alles über Dampfpflüge; über Ihr Werk in Schubra; über Ihre großartigen Erfolge!"

 

"Donnerwetter, Herr Jackson!" rief ich in wachsender Erregung über das Schafsgesicht, das der Redakteur annahm, wenn er nachzudenken versuchte, "sind Sie nicht bei Trost? Der Artikel ist eine infame Verleumdung von A bis Z. Er kann der Sache, für die ich mich abquäle, den größten Schaden tun."

 

"Glauben Sie das nicht! Glauben Sie das nicht!" rief Jackson eifrig. "Kein Mensch liest das Zeugs! Sehen Sie, Sie sind noch jung. Ein Mann voll Enthusiasmus und Feuer und so weiter. Ich bin ein Mann von Erfahrung, der das Leben kennt. Kein Mensch hat den Artikel gelesen, außer Ihnen. Ich gebe zu, das war ein kleines Malheur. Ich glaube, der Artikel war nicht für Sie bestimmt. Aber er ist nicht schlecht, lieber Herr Mac Id: flott geschrieben und anschaulich, daß sogar ich ihn verstand."

 

"Ich ließ mir ja alles gefallen," sagte ich, etwas besänftigt, "wenn Sie wenigstens jedem der zwei Pflüge die richtigen Zahlen mitgegeben hätten. Aber Sie lassen Howard achttausendsiebenhundert Quadratmeter - -" "Ich bitte Sie, das sind Druckfehler!" unterbrach er mich hastig und nicht ohne einige Entrüstung, "nichts als Druckfehler! Redigieren Sie einmal eine Zeitung bei dieser Hitze! O Gott, ist es heute wieder heiß! Haben Sie schon gebadet? Ich meine draußen in der See?"

 

"Es sind keine Druckfehler!" rief ich mit neuerwachendem Ingrimm. "Die Zahlen sind richtig, aber versetzt. Was Howard geleistet hat, lassen Sie Fowler leisten, und umgekehrt. Da steckt Bridledrum dahinter, ich nehme Gift darauf!"

 

"Nehmen Sie kein Gift, Verehrtester; höchstens in dieser ziemlich harmlosen Form." Er füllte zwei Gläser mit goldgelbern irischem Whisky und sehr wenig Wasser. "Bridledrum hat mit dem Aufsatz nichts zu tun," fuhr er dann mit der größten Ruhe fort, wie wenn wir beide freundschaftlich die gleichgültigste Sache besprächen. "Kennen Sie meine Tochter Lucy? Die Hand aufs Herz - Lucy hat ihn geschrieben."

 

Ich starrte ihn ungläubig an.

 

"Ein Goldmädchen, Herr Mac Id, die ihrem alten Papa den schweren Lebensabend tragen hilft, wie es wenige tun würden. Sie war eine Woche in Kairo und hat im Hotel Shepheard auf der Veranda drei Tage lang dampfgepflügt, mit Schnupftabaksdosen, wie sie mir erzählt. Was weiß ich? jedenfalls kam sie als völlig ausgebildeter Ingenieur zurück. Ein Goldmädchen! Sie schreibt die meisten Leitartikel in der ?Egyptian Times?, die wir selber brauen, wie Sie es nennen. Sind Sie abonniert? Fritz, der Herr will abonnieren."

 

Einer der verschlafenen Setzer kam herein und notierte Herrn Mac Id oder richtiger Mc Eid, so sehr ich auch versicherte, daß ich ganz anders heiße. In den englischen Kreisen Alexandriens blieb ich von jenem Tage an "McEid"; selbst in den deutschen zu Kairo begann man sich nach einiger Zeit zu streiten, ob ich berechtigt sei, meinen ehrlichen deutschen Namen zu führen.

 

"Und nun ans Geschäft, lieber Herr Mac Id," rief Jackson mit väterlichem Wohlwollen. "Der Artikel hat Ihnen nicht gefallen. Schön. Ich bin bereit, gutzumachen, was etwa nicht ganz einwandfrei gelesen sein könnte. Hier ist Tinte, Feder und Papier. Schreiben Sie, was Sie wollen. ich schätze, ich achte Sie hoch, ich drucke, was Sie schreiben. Mehr kann ich wahrhaftig nicht tun."

 

Er hatte soweit recht. Ich setzte mich und schrieb eine kurze Berichtigung, wobei ich nur die Zahlen feststellte, deren Verdrehung mein technisches Rechtsgefühl so tief verletzt hatte.

 

Jackson trank seinen Whisky, mir von Zeit zu Zeit zunickend. Ich gab ihm den Zettel.

 

"Sehr gut! Sehr gut! Nur etwas zu kurz; wirklich nicht lang genug," meinte er. "Das soll morgen früh vor - beachten Sie wohl, Herr Mac Id - vor dem Leitartikel über die Lage der konföderierten Armee stehen. Lesen Sie den, bitte! Den hat Lucy auch geschrieben. Ich werde nur gewöhnliche Inseratengebühr berechnen, billigsten Satz. Sehen wir einmal: das macht" - er sah jetzt mein Papier mit merklicher Aufmerksamkeit an - "das macht etwa zweiunddreißig Zeilen, sagen wir vierzig; und eine flammende Überschrift, - sie brauchen eine flammende Überschrift, fett gedruckt, mit großen Initialen - etwa ?Recht muß Recht bleiben?, oder ?Blut und Eisen? oder ?Pflug und Schwert?, denn Sie scheinen mir ein Mann zu sein, mit dem nicht zu spaßen ist und dem es nicht darauf ankommt, Blut für sein Eisen zu vergießen, wie Wasser. - Guter Gott, ich glaubte wirklich, Sie wollten mir den Hals abschneiden, als Sie eintraten. -Na, wir verstehen uns jetzt. Wollen Sie kein Klischee darüber setzen? Ich habe ein sehr passendes Klischee: eine Faust, die der ganzen Welt zu trotzen scheint. Für Sie bin ich zu allem bereit. Das macht zusammen dreißig Schilling; ein Pfund zehn Schilling. Eigentlich würde es das Doppelte kosten, aber für Sie -"

 

Ich legte das Geld auf den Tisch, das Jackson mit einer gewandten Handbewegung und mit der Miene eines Mannes einstrich, der sich nur aus Gefälligkeit mit Kassengeschäften befaßt. In diesem Augenblick öffnete sich eine Zimmertüre etwas stürmisch. Eine junge Dame trat ein, mit einem schwarzen Lockenkopf, kohlschwarzen, verständigen, durchdringenden Augen und einem Gesichtchen wie ein kleiner Engel von zehn Jahren. Für einen solchen war sie jedoch viel zu groß, und die Volants ihres Rosakleides - wir lebten in der Krinolinenzeit - füllten das kleine Bureau in beängstigender Weise. Das war Lucy, der Leitartikelschreiber der "Egyptian Times".

 

Jackson stellte mich vor.

 

Lucy nickte mir zu. Sie hatte ein besseres Gedächtnis als ihr zärtlicher Vater und erinnerte sich der Orangen in meinem Garten. "Und siehst du, mein Liebling," sagte er, "dieser Herr Mac Id ist mit deinem Dampfpflugbericht nicht einmal zufrieden gewesen."

 

Sie sah mich mit ihren schwarzen Kinderaugen an, halb neckisch, halb vorwurfsvoll. Ich fühlte, daß meine Lage verzweifelt wurde.

 

"Ihr Papa hat mich offenbar nicht ganz richtig verstanden, Miß Jackson!" sagte ich in meiner Not. "Der Artikel war reizend geschrieben, wunderbar sachlich für eine junge Dame, nur -"

 

"Nun also! Hörst du, Papa?"

 

"Wenn Sie nur die Zahlen -"

 

"Zahlen!" rief sie verächtlich. "Zahlen mache ich immer falsch. Das verlangt auch Papa nicht anders von mir. Kein Mensch verlangt, daß Zahlen richtig sein sollen. Gehen Sie weg!"

 

Ich schwieg vernichtet. Sie lächelte mich wieder an. Es war, wie wenn ein wirklicher Sonnenstrahl von dem Gesichtchen ausginge. Aber das wechselte wie Aprilwetter.

 

"Natürlich, ein eigentlicher gelehrter Dampfpflüger bin ich nicht geworden," fuhr sie mit dem niedlichsten Trotz um die purpurnen Lippen fort. "Aber die Aufstellung mit den Tabaksdosen habe ich doch sehr gut begriffen, besser als der alte General bei Shepheard, der die Sache erst verstand, als ich sie ihm erklärte. Übrigens, Herr Bridledrum ist sehr viel liebenswürdiger als Sie. Er ist wieder hier, Papa. Er fand meinen Artikel ganz vortrefflich, auch die Zahlen, Herr Mac Id, und hat mir vor einer Viertelstunde eine reizende Brosche geschenkt. Ich kam nur herein, um sie dir zu zeigen, Papa. Entzückend - nicht wahr?"

 

Sie nestelte das Ding von ihrem Kleide. Es war eine kleine Sphinx, von einer goldenen Adlerklaue gehalten; ein wunderliches Modell. Wir brachen in Bewunderung aus; ihre Augen funkelten vor Vergnügen. Sie war wirklich ein erstaunlich hübsches Kind, trotz der Leitartikel und des entsetzlichen Papas. Muß dieser Bridledrum mir überall in den Weg kommen?

 

Ich raffte mich auf. Wo sollte das hinführen? Ich erinnerte midi an Häberle und seine Mahnung, daß wir in dem Lande wohnten, in dem Joseph und seine Brüder so mancherlei erlebt hatten. Hatte nicht jener wackere Jüngling auch einmal sehr rasch Abschied nehmen müssen? Ich tat das gleiche. Die Kinderaugen verfolgten mich die elende Treppe hinunter, bis auf den Bahnhof. Dort erreichte ich gerade noch den Nachmittagszug und hatte Alexandrien hinter mir, ehe ich ganz zur Besinnung gekommen war.

 

Lösungen

 

Nicht ganz unbefangen ging ich am nächsten Morgen zur gewöhnlichen Stunde nach dem Palastgarten, um Halim Pascha meinen Tagesbericht abzustatten. Ich hatte mich unter anderm zu entschuldigen, daß ich seit zwei Tagen nicht erschienen war. Dringende Geschäfte in Alexandrien und anderwärts hätten mich gezwungen, den von mir selbst eingeführten Gebrauch dieser Morgenbesuche zu unterbrechen. Der Prinz war in bester Laune und sehr gnädig. Er habe schon einiges von den kleinen Streichen gehört, die hinter seinem Rücken gespielt worden seien; aber er sei zufrieden, da alles harmlos abgelaufen sei. Mittlerweile habe auch er einiges geleistet: er habe Howards Dampfpflug gekauft.

 

Ich machte das lange Gesicht, das ich mir versprochen hatte ihm zu zeigen. "Das verstehen Sie nicht," sagte er begütigend. "Daß der Pflug für uns nicht viel taugt, habe ich gesehen. Aber der kleine Bridledrum war unser Gast, und ich wollte unsern Gast nicht mit verdrießlicher Miene ziehen lassen. Sie haben ihr. genug geärgert mit Ihren achttausend Quadratmetern. Das war recht und schön, ohne Zweifel. Sie sind ein Europäer. Wir aber, wir hier sind Araber."

 

Er sagte dies mit einer leisen Betonung, die ich heute noch höre.

 

"Übrigens brauchen Sie sich keine grauen Haare wachsen zu lassen," fuhr er fort. "Sie schaffen den Pflug nach der Gesira. Dort ist leichter Boden; vielleicht geht es dort besser. Zwei von Howards Arbeitern behalten Sie zur Bedienung des Apparates hier. Es hat mich gefreut, zu sehen, mit welcher Ruhe diese Leute ihre Niederlage hinnahmen. Sorgen Sie dafür, daß sie nach ihren englischen Gewohnheiten gut untergebracht werden und die Sache in Gang kommt. Ich habe es satt, den Pflug in dem Baumwollfeld stehen zu sehen wie ein Denkmal unseres Siegestages. Adieu!"

 

Ich war schon an der Treppe, die von dem Gartenpavillon, in welchem diese Morgenaudienzen stattfanden, in den Park hinabführt.

 

"Und noch etwas!" rief er mir nach. "Der Vizekönig will Sie heute nachmittag sprechen. Kommen Sie um vier Uhr hierher. Ich werde mit Ihnen nach dem Abidinpalais fahren und Sie vorstellen. Er will bei Fowler zehn Dampfpflüge bestellen, oder fünfundzwanzig; wie viele, weiß er selbst noch nicht und verlangt Ihren Rat. Passen Sie auf, wenn mein Neffe aufwacht, werden wir etwas erleben!"

 

Zehn Dampfpflüge auf einen Schlag! Als ich hinter dem Bananengebüsch am Fuße der Marmortreppe außer Sicht war, machte ich einen unwürdigen Freudensprung mitten in ein neues Kapitel meines Lebens hinein.